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03.02.2012  | Netzcode: 3127958  |  417 Mal gelesen.

Jeder kämpft gegen jeden

Der ägyptische Vulkan speit weiter Feuer

Bild zu Jeder kämpft gegen jeden
Heute kämpft in Ägypten jeder gegen jeden. Bild: dpa
Kairo/Istanbul. (dpa) - «Verschwinde!», riefen die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz vor einem Jahr ihrem Langzeitpräsidenten Husni Mubarak zu. Linke Intellektuelle, Christen, Anarchisten, Islamisten, Arbeiter und die Fans des berühmten Kairoer Fußballvereins Al-Ahli standen damals Seite an Seite im Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Heute kämpft in Ägypten jeder gegen jeden - mit Worten, Steinen, Knüppeln, Brandbomben oder scharfer Munition. Gelegentlich werden
auch Ausländer Opfer des Chaos, das um sich greift.

Die Tragödie im Fußballstadion von Port Said ist nur einer von vielen Gewaltausbrüchen, die das Land seit dem Abgang des «Pharao» erschüttert haben. Beteiligt an diesen Exzessen sind nach Einschätzung unabhängiger ägyptischer Beobachter korrupte Elemente aus dem Sicherheitsapparat, der noch aus der Mubarak-Ära stammt, sowie Randalierer, die Spaß an Gewalt haben. Gelegentlich mischen auch frustrierte «Revolutionäre» mit, die sich um die Früchte ihres
Aktivismus betrogen fühlen.

Vor allem die jungen Aktivisten, die im vergangenen Januar die ersten Massenproteste gegen Mubarak organisiert hatten, haben inzwischen den Eindruck, sie seien nur noch von Feinden umgeben. Da ist der Oberste Militärrat, der seine Privilegien und seinen Schattenhaushalt vor dem Zugriff ziviler Kontrolle bewahren will. Da sind die Beamten des Innenministeriums, das weitgehend unangetastet blieb. Und jetzt kommen auch noch die Muslimbrüder hinzu, die bei ihrem Marsch durch die Institutionen nicht von den Dauerprotesten der Jung-Revolutionäre gestört werden wollen.

«Vor der Revolution haben wir Euch unterstützt, doch jetzt wendet ihr Euch gegen uns», hieß es diese Woche in einem offenen Brief des Aktionsbündnisses 6. April an die Muslimbrüder. «Ihr bildet eine Miliz, um zu verhindern, dass wir mit unseren Forderungen vordringen bis ins Parlament», werfen die Aktivisten den Islamisten vor, die im ersten Post-Mubarak-Parlament mit 47 Prozent die größte Fraktion bilden. Sie schimpfen, in ihrem Gebaren ähnelten die Muslimbrüder inzwischen der mittlerweile verbotenen Nationaldemokratischen Partei von Mubarak.

Auch das zum Großteil liberal denkende Bildungsbürgertum ist tief enttäuscht über die unvollendete Revolution, die zwar einen Personalwechsel an der Spitze bewirkte, aber keine kulturelle Erneuerung hervorgebracht hat. Während sich die lokalen Medien auf die Straßenkämpfe konzentrierten, blieb eine kleine Meldung fast unbemerkt. Adel Imam (71), der berühmteste Filmschauspieler Ägyptens, wurde in erster Instanz zu drei Monaten Haft verurteilt, weil er in einem Film und einem seiner alten Theaterstücke angeblich den Islam beleidigt hatte.

Dabei hatte sich der Komödiant darin nicht gar nicht über die Religion an sich lustig gemacht. Vielmehr galt sein Spott den radikalen Islamisten mit den langen Bärten, die Alkohol und Bikinis verbieten wollen. Was Imam damals nicht ahnte, war, dass diese Islamisten eines Tages ins Parlament einziehen würden, wo sie aktuell
24 Prozent der Sitze belegen.

Die einzigen Verbündeten, die den jungen Revolutionsaktivisten jetzt noch bleiben, sind eine kleine Gruppe von älteren Linksintellektuellen und der Fanclub von Al-Ahli, der in den vergangenen Monaten bei fast jeder Auseinandersetzung mit der Polizei
mit dabei war. Die Verschwörungstheorien, wonach die Gewalt im Stadion von Port Said kein willkürlicher Akt von Hooligans war, sondern eine gezielte Aktion gegen die politisierten Al-Ahli-Fans, sind deshalb nicht ganz von der Hand zu weisen.

Mit der wildesten Theorie zu der Tragödie im Fußballstadion wartete unterdessen die saudische Religionspolizei auf. Sie verbreitete über den Kurznachrichtendienst Twitter folgende Nachricht: «Was in Port Said passierte nach dem Fußballspiel, ist
eine Strafe von Gott für die Spieler, weil sie ihre Blöße nicht bedeckt haben (kurze Hosen trugen).»

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