Von Bürgerreporter/in Gattaut Peter  |  11.02.2011  | Netzcode: 2679672  |  331 Mal gelesen.Beitrag einer OWZ-Bürgerreporter/in
Rieden/Kairo

Trotz Unruhen und Ausgangssperre Heimweh nach Kairo

Interview mit Melanie Schwendner aus Rieden

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Seit fast fünf Jahren lebt Melanie Schwendner in Kairo. Bild: Peter Gattaut
Die 28-jährige gebürtige Riedenerin Melanie Schwendner lebt seit fast fünf Jahren in der ägyptischen Hauptstadt Kairo. Die symphatische Merchandiserin bei einem ägyptischen Textilproduzenten entdeckte nach ihrem Studium in Alexandria schnell die Liebe zu ihrer erklärten Wahlheimat Ägypten. Nicht zuletzt wegen den anhaltenden Unruhen um das Regime von Staatspräsident Husni Mubarak zog es Melanie vor, eine Auszeit zu nehmen, um ihre oberpfälzische Heimat Rieden zu besuchen. Spontan stand sie zum Interview bereit.

Im Amberger Café Kult unterhielt sich OWZ-Bürgerreporter Peter Gattaut mit der „ägyptischen“ Vilstalerin. Die beiden kennen sich von früheren Riedener Zeiten und pflegen dank Facebook im Internet eine gute Freundschaft auch über fast 3000 Kilometer hinweg. Melanie schilderte ihre Sicht über die aktuellen Geschehnisse vor Ort und sparte nicht mit ihrem „Insiderwissen“

Melanie, du bist seit fast fünf Jahren in Kairo, was hat dich bewegt, als waschechte Oberpfälzerin ausgerechnet dort Fuß zu fassen?

Melanie Schwendner: Mein Studium „Wirtschaftsarabistik“ sah es vor, einen Sprachkurs in Alexandria zu absolvieren. Durch eine Deutsche, die ein Jahr zuvor diesen Kurs belegte, kam ich zu einem Praktikum in Kairo. Dort lernte ich nette und interessante Leute kennen, die ich schnell in mein Herz geschlossen hatte. Nach meinem Studium-Abschluss in Deutschland dauerte es nur eine Woche bis ich wieder im Flieger nach Kairo saß. Seit 2008 bin ich jetzt in einer ägyptischen Firma als Merchandising-Textil-Koordinatorin angestellt und vertrete unter anderem das Export-Geschäft nach Deutschland.

Wie ist der Stellenwert einer Frau in Ägypten?

Melanie Schwendner: Die Frage bekomme ich öfter in Deutschland gestellt (lacht). Aus ägyptischer Sicht herrschen hier klare Verhältnisse. Der Mann ist der Boss, aber ich als Ausländerin hab gelernt, mich durchzusetzen. In meiner Firma wird meine Fachkompetenz auch von Männern geschätzt. Natürlich ist es nicht zu leugnen, dass man in der Öffentlichkeit öfters „angebaggert“ wird. Aber wie im jeden Land richtet sich das Benehmen nach dem Bildungsstand der Leute.

Die Unruhen in Kairo sind bekanntlich Thema Nr. 1 in den Medien. Was für persönliche Eindrucke kannst Du darüber berichten?

Melanie Schwendner: Ich wohne nicht weit weg vom Wohnsitz Mubaraks.
Soldaten sind hier aufgestellt wie Allee-Bäume. Polizei gibt es nicht mehr. ,Ägyptische Bevölkerung schützt euch selbst, Polizei gibt es nicht mehr' war eine Radiodurchsage, die mir durch Mark und Bein ging. Nach der Arbeit kam ich nach Hause und war den Tränen nah. Bestimmt 50 Leute mit Schlagstöcke und anderen Waffen waren vor Ort. Ich dachte natürlich an die Plünderer, die ohne Polizei leichtes Spiel haben würden. Aber die Leute stellten sich als Bürgerwehr heraus. Jeden Tag wurde eine neue Ausgangssperre verhängt, von 15 Uhr bis 20 Uhr war alles dabei. Internet und Handynetz wurde abgeschaltet. Ein Bekannter übermittelte mir die traurige Botschaft, dass ein Freund bei der Demonstration erschossen wurde.

Haben die ägyptischen Bürger versucht, Dich mit ihrer politischen Meinung zu überzeugen?

Melanie Schwendner: Es gab ja nur zwei Möglichkeiten. Pro oder contra Mubarak, pro war eingesessen und da gab es nicht viel zu diskutieren, contra hatte einen Paradespruch: „Wir gehen nicht, er geht.“

Fühlst Du Dich in diesen Land sicher?

Melanie Schwendner: Grundsätzlich ja, aber nach der Hetzkampagne gegen Ausländer wurde es mir auch immer unbehaglicher. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass ich als letzte noch arbeitende Ausländerin in unserer Firma dann doch den Heimflug gewählt habe.

Wie hast du den Untergang der Polizei in Ägypten erlebt?

Melanie Schwendner: Mit einer zeitlichen Verzögerung, während der wir auf uns selbst gestellt waren, wurde das Militär geschickt, welches aber anfangs nicht Herr der Lage war. Erstens zahlenmäßig viel geringer als der Polizeiapparat und zweitens nicht für diese Art von Job ausgebildet. Dadurch kamen ja auch die Plünderer zum Zuge. Das Militär war da einfach überfordert.

Was wünscht Du Dir für Deine Wahlheimat Ägypten?

Melanie Schwendner: Endlich Ende der Demonstrationen, einen geregelten Übergang zur Demokratie, aber leider ist da kein geeigneter Kandidat in Sicht. Der im Ausland geformte Mohammed Baradei hat bei seinem eigenen Volk nicht den hohen Stellenwert wie im Westen. Ich räume Amr Moussa, momentan Generalsekretär der Arabischen Liga, die besten Chancen ein, da er in Ägypten sehr beliebt ist.

Wie sind Deine weiteren Ziele? Ruft bald wieder "Old Germany"?

Sag niemals nie, aber ich fühl mich da wohl, wo meine Arbeitskraft geschätzt wird, außerdem brauch ich ein Umfeld, wo ich mich wohl fühle, natürlich rein menschlich betrachtet im eigenen privaten Umfeld. Könnte mir auch durchaus vorstellen, in einem anderen Land was Neues zu probieren, mal sehen, was die Zeit so mit sich bringt.

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