Tirschenreuth
Neugierige Gans, freche Ziege und ein bissiger Hund
Hauskrippe der Familie Bäumler im Museumsquartier
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| Der Hirte mit dem tanzenden Schaf - eine der bezauberndsten Darstellungen in der Krippe. |
Mit dem Schnitzen begonnen hat unser Großvater Franz Xaver Bäumler. Er zog von Liebenstein nach Tirschenreuth auf die Glashütte und wurde so zum „Hütterer“. Von Beruf war er Kachelformer und privat erfinderischer Bastler und Improvisateur. So schnitt er zum Beispiel aus alten Blechdosen weihnachtlichen Silberschmuck für den Christbaum. In den 1930er Jahren entstanden die ersten Holzfiguren. Dann wurde jedes Jahr immer vor Weihnachten zu schnitzen begonnen und neue „Krippenmandla“ - und natürlich auch „Krippenweibla“ - entstanden.
Im Alter von elf Jahren versuchte sich auch unser Vater Franz Johann Bäumler (1928 – 1974) an der Schnitzkunst. Auch er setzte damals einfachstes Handwerkszeug ein, wie zum Beispiel gewöhnliche Messer, die teilweise für diesen Zweck selbst zurecht geschliffen wurden.
Bald schon zeigte er großes Talent und perfektionierte seine anfänglichen Versuche zur Schnitzkunst. Eine Lehre zum Kerammodelleur in der Porzellanfabrik Tirschenreuth unterstützte sicher diese Entwicklung. Die stetige Verfeinerung seiner Schnitztechnik ist gut an den verschiedenen Figuren zu erkennen.
Im Alter von 21 Jahren heiratete er und zog in die Angermannstraße. Außer der Leidenschaft zum Schnitzen, widmete er sich dem Geigenbau und reparierte Akkordeons in seiner Werkstatt – der Küche. Er spielte selbst mehrere Instrumente - unter anderem Geige, Trompete und Akkordeon - und brachte mit seiner Musikkapelle, der Kapelle Bäumler, den Glenn-Miller-Sound nach Tirschenreuth. Regelmäßig war er Gast beim „Scherbauern“, dem wahrscheinlich ersten Nichtraucherlokal Deutschlands, und pflegte dort mit anderen Musikanten die Tradition der Wirtshausmusik.
Trotz der vielen Interessen blieb er dem Schnitzhandwerk treu. Für seine Frau Maria, die sich kleinere Figuren wünschte, begann er nun eine eigene Krippe zu schnitzen. Hin und wieder dienten sie und mein Bruder als Modell für anatomische Studien, um die teilweise schwierigen Körperhaltungen natürlich und lebensnah umzusetzen.
Zudem vervollständigte er die Rohlinge unseres Großvaters, dessen abnehmende Sehkraft es nicht mehr zuließ, die Figuren fein auszuarbeiten. So erhielt er eines Tages die grob vorgeschnitzte Figur eines Mannes, der einen Sack auf dem Rücken trug. Nach Fertigstellung des eigentlichen Motivs brachte unser Vater zusätzlich aus Spaß einen Gänsekopf an, der mit seinem langen Hals aus einem Schlitz im Sack herausragte. Dieses modifizierte Stück präsentierte er zur allgemeinen Erheiterung auf dem Küchenbüffett. Vorzeitig und unerwartet kam jedoch der Großvater vorbei, um sich nach dem überlassenen Rohling zu erkundigen, als er auch schon das fertiggestellte Stück entdeckte. Kein Wort verlor er über die außerplanmäßige Finesse, bedankte sich, steckte die Figur ein und gesellte sie zu den Charakteren seiner hölzernen Schar, die in den vergangenen Jahren beträchtlich zugenommen hatte.
Mittlerweile verwandelte sich zur Weihnachtszeit das gesamte Schlafzimmer im Haus auf der „Hütten“ in eine riesige Krippenlandschaft, die mit viel Liebe zum Detail gestaltet und jährlich aufgebaut wurde. Auch der Christbaum wurde im Schlafzimmer platziert. Der Besuch beim „Hütten-Opa“, wie er in unserem Familienkreis genannt wurde, war immer ein Höhepunkt an den Festtagen. Das Christkind wurde traditionsgemäß erst immer am 24. Dezember in die Krippe gelegt und die heiligen Könige kamen anschließend am 6. Januar dazu.
Bis Mitte der 1950er Jahre fertigte unser Vater die letzten und wohl auch die perfektesten Figuren. Stets erweckte er ausschließlich eigene Ideen zum Leben. Kopieren oder nach Vorlage schnitzen kam für ihn nicht in Frage. Typische biblische Darstellungen wie zum Beispiel „Die Flucht nach Ägypten“ sucht man in der Miniaturlandschaft vergebens. Es musste immer etwas Neues, etwas Anderes sein. Selbst der „Tirschenreuther Goaßreiter“ erfährt eine neue Interpretation und wird nicht – wie üblich – sitzend auf dem Tier, sondern beim Hochklettern dargestellt.
Weitere originelle Stücke sind ein Mann, dem ein Hund in den Hintern zwickt oder eine Bäuerin, der gerade eine freche Ziege das frisch gesichelte Gras aus dem Rückenkorb stibitzt. Da sind auch die sieben Zwerge unterwegs und einem auf dem Rücken liegenden Burschen stößt ein Ziegenbock mit den Hörnern in den Allerwertesten. Die ausdrucksvolle Darstellung eines knienden Hirten mit zwei sich aneinander kauernden Schafen, lässt den Zauber der Heiligen Nacht nahezu spürbar werden.
Eindrucksvoll ist die Ausarbeitung der Gesichtszüge und Finger, die detailreich angelegte Kleidung und deren natürlicher Faltenwurf. Die Figuren sind stets aus einem Stück gefertigt. Lediglich filigrane Details wurden separat geschnitzt und nachträglich eingefügt. Die Kolorierung erfolgte dezent, nie aufdringlich, aber dennoch lebhaft und natürlich.
Die letzte Figur, die unser Vater schuf, ist ein im Schneidersitz hockender Hirte. Zu seinem Flötenspiel tanzt ein kleines Schaf.
Die Weihnachtskrippe kann während der Öffnungszeiten des Museumsquartiers Tirschenreuth im Krippenzimmer besichtigt werden.
Übrigens... die Gans schaut immer noch neugierig aus dem Sack hervor.



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