Von Bürgerreporter/in Hans Günther Lauth  |  11.12.2011  | Netzcode: 3069730  |  241 Mal gelesen.Beitrag einer OWZ-Bürgerreporter/in
Wiesau

Weihnachten im Wienerwald

Eine etwas andere Vorweihnachtsgeschichte

Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts studierte ich in München. Da ich aus keiner finanziell betuchten Familie kam, war ich immer auf der Suche nach gut einträglichen Nebenjobs. Eine dieser Nebentätigkeiten bestand in einem Engagement bei der damals bekannten Firma Wienerwald – dem sogenannten „Hendlfriedhof“ der Nation.

Allseits bekannt war der Slogan „Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald“. Der gut bezahlte Studentenjob bestand für meinen Kollegen und mich darin, in der Vorweihnachtszeit als Nikolaus und Knecht Ruprecht die einzelnen Filialen in München und Umgebung aufzusuchen und den Gästen nach einigen eindringlichen Ermahnungen ein kleines Präsent der Firma Wienerwald zu überreichen.

Die hauptsächliche Gästegruppe bestand meistens aus Ehepaaren im Rentneralter und hier war fast immer eine bestimmte Gesprächsstruktur vorgegeben. Die Frauen beklagten sich in erster Linie über die mangelnde Mithilfe ihrer Partner im Haushalt und dass diese zu häufig die umliegenden Wirtshäuser im Wohngebiet aufsuchen würden. Manche Damen waren im Laufe ihrer Ehejahre schon zu richtigen „Bieruhren“ mutiert und rechneten dem Gatten fast jeden Schluck des kulturell hochwertigen Getränkes vor.

Die Ehemänner waren dagegen im Verlauf ihrer Ehe sehr beratungsresistent geworden und ihr Hörvermögen hatte die höchste Stufe des verbalen Durchzugs bereits lange erreicht. Nachdem wir also die Herren der Schöpfung etwas ermahnt hatten und ihnen der Knecht Ruprecht symbolisch einen oder mehr Rutenstreiche versetzt hatte ( Merke: Frauen darf man nicht schlagen), erhielten die Gäste ein kleines Geschenk des Hauses und wir setzten unsere Runde durch die einzelnen Filialen fort.

Der zweite Teil unseres Engagements bestand in der Weihnachtsfeier des firmeneigenen Kindergartens im Münchener Westend. Und hier ereignete sich ein dramaturgisches Fiasko.
Da mein Studienkollege einen halben Kopf kleiner war als ich, musste die Rolle des Nikolaus immer von mir übernommen werden. Dies war auch klar ersichtlich, denn wo ist der Knecht Ruprecht, oder der Krampus wie er auch bei uns heißt, größer als der heilige Bischof? Wir hatten uns also in einem Nebenraum des Kindergartens bereits umgezogen und ich hatte mein rotes Bischofsgewand an, auf dem Kopf die Mitra und einen imposanten weißen Bart aus einem watteähnlichen Material. Eigentlich hatte ich schon damals einen Vollbart, aber die rote Farbe meiner Gesichtsmatratze hätte nicht zum Rest der Verkleidung gepasst. Im Nebenraum waren bereits alle Kinder mit ihren Eltern und den Erzieherinnen versammelt, leise Weihnachtsmusik drang durch die Tür nach außen und das Kunstlicht war bereits durch eine feierliche Kerzenbeleuchtung ersetzt worden. Nachdem die Kinder gesanglich ihre Teller rausgestellt hatten, öffnete sich unsere Tür und mit einem beherzten Schritt nach vorne wollte ich den Gruppenraum des Kindergartens betreten.

Leider hatte ich dabei die Gesamthöhe meiner Statur falsch eingeschätzt. Da ich 1,92 Meter groß bin und die Mitra bestimmt nochmals 30 Zentimeter betrug, reichte die normale Türhöhe von ungefähr zwei Metern nicht mehr aus. Die Folge war, dass mir die Bischofsmütze vom Kopf fiel und der Kunstbart bis zu meinen Augen empor schnellte. Die Reaktion der Anwesenden war sehr unterschiedlich. Während bei den Frauen Betroffenheit, ja sogar blankes Entsetzen vorherrschte, war bei den Vätern herzhaftes Lachen zu hören und die Kinder hatten jede vorweihnachtliche Andacht abgelegt und johlten ausgelassen: „An Nikolaus hat´s as Bischofskappl obe ghaut ...“.

Nun war guter Rat teuer. Ich setzte mich auf den vorgesehenen Stuhl und nachdem sich die Kinder wieder beruhigt hatten, erzählte ich ihnen mit eigenen Worten die Legende nochmals und dass der heilige Nikolaus heute leider nicht mehr lebt. Deswegen würden überall diese Rollen von besseren oder schlechteren Schauspielern übernommen. Diese Darstellung kam eigentlich gut an, nicht zuletzt wegen der doch zu erwartenden Geschenke aus dem mitgebrachten Sack.

Nachtrag:
Die Kinder von damals sind heute ungefähr 40 Jahre alt. Ich bin aber überzeugt, dass sie diese vorweihnachtliche Feier bestimmt niemals vergessen haben.

Zum Artikel: Kinospecial 300 Pixel