01.02.2012  | Netzcode: 3124758  |  238 Mal gelesen.

Europas Mühlen mahlen langsam

Stationäre Krankenhausbehandlung in Tschechien immer noch problematisch

Professor Dr. Hanjo Allinger stellte den zweiten
Professor Dr. Hanjo Allinger stellte den zweiten Teil seines Gutachtens jetzt in Marktredwitz vor.
MARKTREDWITZ. Angenommen, man hat gehört, dass im Krankenhaus in Cheb (Eger) ein besonders fähiger Chirurg arbeitet. Kann man dann einfach so seinen Blinddarm in Cheb herausnehmen lassen?

Der Frage der "grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Gesundheitswesen" ging im Auftrag der Euregio Egrensis Diplom-Volkswirt und Gutachter Professor Dr. Hanjo Allinger aus München nach, der auch an der Fachhochschule Deggendorf lehrt.

Schon im Vorjahr hatte er sich damit beschäftigt, ob sich ein grenzüberschreitender Rettungsdienst einrichten lasse. Sein Ergebnis damals war ernüchternd: Ohne ein Rahmenabkommen zwischen Deutschland und Tschechien ging da gar nichts. Allinger kritisierte damals: "Es darf nicht sein, dass sich die Politik wegduckt."

Der zweite Teil der von der EU geförderten Untersuchung, der sich mit der Zusammenarbeit im Bereich der stationären Versorgung befasste, wurde jetzt im Egerland-Kulturhaus Marktredwitz Fachleuten aus den Euregio-Regionen beider Länder vorgestellt. In Bayern sind das die Landkreise Hof, Wunsiedel, Tirschenreuth, Neustadt/WN und Schwandorf sowie die kreisfreien Städte Hof und Weiden.

Doch das Ergebnis machte genauso wenig Mut: Von 2004 bis 2010 habe die Bürokratie schon alleine gebraucht, um die "VO (EG) Nr. 883/2004 zur grenzüberschreitenden Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen" in Kraft zu setzen. Doch die erlaube lediglich eine ambulante Behandlung in einem Krankenhaus des Nachbarlandes.

Wer einen planbaren stationären Krankenhaus-Aufenthalt im Nachbarland vor hat, müsse sich diesen erst von seiner Krankenkasse genehmigen lassen. Stimme diese zu, übernehme sie maximal den in Deutschland üblichen, durchschnittlichen Betrag. Weil die Kosten in Tschechien in der Regel erheblich niedriger liegen als bei uns, könnte man auf die Idee kommen, daraus einen Vorteil zu schlagen. Doch keine Chance: "Die Differenz wird nicht ausbezahlt."

Sowieso müsse der deutsche Patient in Tschechien erst einmal bar bezahlen. Erst dann könne er seine Forderungen bei der heimischen Kasse stellen. Umgekehrt werde der Fall sowieso kaum eintreten, schätzt der Gutachter. In Deutschland seien ärztliche Leistungen zwei bis zweieinhalb Mal so teuer als in Tschechien. "Sie bekommen deshalb kaum Vorab-Genehmigungen" von einer tschechischen Krankenkasse.
Dr. Birgit Seelbinder ist "überzeugt, dass unser
Dr. Birgit Seelbinder ist "überzeugt, dass unser Gutachten nicht in der Schublade versinkt". Bilder: Harald Mohr


Kein Problem gebe es aber bei Notfällen wie Unfällen oder akuten Erkrankungen hüben und drüben. Hier funktioniere es in Tschechien jetzt wie in jedem anderen EU-Land. Die heimische Krankenkasse übernehme in jedem Fall die Kosten. Ebenfalls günstig sehe es bei Berufspendlern aus. Wer etwa in Waldsassen wohnt und in Cheb arbeitet, habe Anspruch auf alle medizinischen Leistungen sowohl im "Wohnsitzstaat" Deutschland als auch im "Versicherungsstaat" Tschechien. Am einfachsten wäre es laut Professor Dr. Hanjo Allinger, Deutschland und Tschechien würde in Grenznähe ein gemeinsames Krankenhaus bauen. Aber "in richtig greifbarer Nähe liegt so was nicht". Dr. Birgit Seelbinder, Oberbürgermeisterin von Marktredwitz und Präsidentin der Euregio Egrensis, will derweil weiter politischen Druck auf die Bundesregierung ausüben.

Erst vor kurzem sei sie mit Professor Dr. Hanjo Allinger im Bundesinnenministerium gewesen, sagte sie in ihrem Grußwort. Und sie ist guter Hoffnung: "Ich bin überzeugt, dass unser Gutachten nicht in der Schublade versinkt." Noch heuer, so hofft sie, soll der nötige Rahmenvertrag kommen. Harald Mohr


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