10.05.2017  | Netzcode: 5256609

Einfach und anschaulich

Erste barrierefreie Stadtführung in Amberg macht Geschichte lebendig

AMBERG. Jahreszahlen, Kurfürsten, Könige ohne Ende: Manche Touristen-Führungen erschlagen die Teilnehmer mit Fakten. Und wer zwei Sekunden nicht aufpasst, hat den Faden verloren. Die Amberger Stadtheimatpflegerin Beate Wolters versucht jetzt ein ganz neues Konzept. Mit ihrer "barrierefreien Stadtführung" spricht sie nicht nur Rollstuhlfahrer an, indem sie Treppen vermeidet, sondern auch alle diejenigen, die alles einfach und anschaulich erklärt haben möchten. Am Samstag war Premiere.

Die Zielgruppe wurde dabei noch nicht ganz erreicht, denn bei den neun Teilnehmern handelte es sich um eher körperlich fitte Menschen. Doch die Marschrichtung wurde klar und spricht sich vielleicht bald herum. Beate Wolters hatte sich ein anschauliches Leitthema herausgegriffen und machte an diesem zeitlichen Schnitt die Amberger Geschichte fest. Was lag da näher, als den Treffpunkt selbst zu thematisieren, nämlich den Hochzeitsbrunnen gleich vor dem Rathaus.

Die Hochzeit der 18-jährigen Margareta und des 26-jährigen Philipp fand im Februar 1474 statt. "Man musste warten, bis die Fahrwege fest gefroren waren." 3000 Gäste weilten drei Tage lang in Amberg, das damals selbst erst 5000 Einwohner hatte. Auf dem Marktplatz fanden Ritterspiele statt. Im ausgehenden Mittelalter eines der letzten Male überhaupt. "Dann kam die Zeit der Renaissance." Und damit wurden Ballettaufführungen oder Opern üblich. Für die Amberger Hochzeit, die eine Art Generalprobe für die Landshuter Hochzeit war, scheute man keinen Aufwand. "Sogar ein paar Häuser auf dem Marktplatz wurden abgerissen."

Vom Marktplatz ging es zum Stadtmuseum, wo Beate Wolters sich nur den Aspekt der Hochzeit herausgriff. Gleich am Start der Dauerausstellung ist dort ein Tisch inszeniert, Schaufensterpuppen stellen das Hochzeitspaar dar. Hier weisen kleine Details auf damalige Gewohnheiten hin. "Die Gabel war noch nicht erfunden, man aß mit dem Messer."

Eine Schautafel dokumentiert hier, wie viel für das Riesen-Fest eingekauft wurde: 3000 Becher und 80 Kannen etwa, dazu jede Menge Lebensmittel: 12 450 Hühner, 50 Ochsen, 400 Spansäue, 24 Tonnen gesalzene Heringe oder eine Tonne Honig. Zu trinken gab es unter anderem 88 000 Liter einfachen Landwein, dazu etliche Liter edlen Wein von auswärts.

Von Bier dagegen ist nichts überliefert, wieder ein Anknüpfungspunkt für anschauliche Geschichte: "Bier brauen war noch nicht üblich." Dafür wurde in Amberg Wein angebaut. "Der Name Wingertshofer Straße kommt von Wingert, das heißt Weingarten." Der Weg vom Stadtmuseum zum Zeughaus, dem heutigen Landratsamt, führte durch die Rosengasse. Als "Rosen" bezeichnete man damals Prostituierte. Hier gab es auch einen offiziell genehmigten "Frauenwirt", sozusagen den amtlichen Zuhälter.

Hier steht auch ein Stück erhaltener Stadtmauer. "Drei Viertel der 3,2 Kilometer langen Stadtmauer und vier der fünf Stadttore sind noch erhalten." Die Hochzeitsfeier und die standesamtliche Hochzeit fand im gerade erst erbauten kurfürstlichen Schloss statt. "Die eigentliche kirchliche Hochzeit war vor der Marienkirche, die als Hofkirche diente."

Trotz oder gerade wegen der vereinfachten Darbietungsweise haben die Teilnehmer in einer Stunde jede Menge Amberger Geschichte gelernt. Diese Führung ist auch für Geschichtsmuffel empfehlenswert, denn sie nimmt die geistigen "Barrieren" vor muffiger alter Geschichte weg. Man muss also kein Mensch mit Behinderung sein, um daran teilzunehmen. Dreimal noch wird in diesem Jahr diese Führung stattfinden. Die Termine werden rechtzeitig bekanntgegeben. Harald Mohr


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