10.05.2017  | Netzcode: 5256655
NEUSTADT/WN

Einsame Realität

Politik unterstützt junge Eltern aus Bayern zu wenig

Veranstalter Uli Grötsch und Harald Zintl
Veranstalter Uli Grötsch und Harald Zintl (rechts) hören der Berliner Soziologin Sophie Krug von Nidda zu. Sie stellt klar: Entgegen dem Wunsch der jungen Leute aus Bayern sind die Rollen bei der Kindererziehung immer noch ungerecht verteilt. Bild: Beate Luber
Junge Menschen interessieren sich nicht mehr für Politik. 2013 ging fast die Hälfte der unter 35-Jährigen nicht zur Landtagswahl. Politiker treffen offenbar den Nerv dieser Generation nicht mehr.

Wie wollen junge Männer und Frauen ihr Leben gestalten? Das fragten Wissenschaftler deshalb 724 Menschen zwischen 18 und 40 Jahren in Bayern in einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Ergebnisse sind alarmierend. SPD-Bundestagsabgeordneter Uli Grötsch erhoffte sich Antworten. Zusammen mit Harald Zintl vom Regensburger Regionalbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung lud er eine Autorin der Studie, die Berliner Soziologin Sophie Krug von Nidda, in die Stadthalle ein.

Das Projekt „Lebensentwürfe junger Frauen und Männer in Bayern“ zeigt, wie weit entfernt Wunsch und Realität bei jungen Menschen sind. Eine Mehrheit strebt eine partnerschaftliche Kindererziehung und einen Ausgleich zwischen Familie und Beruf an. 77 Prozent der Befragten möchten Kinder. Doch nur 15 Prozent glauben, dass sich Familie und Beruf heute leicht vereinbaren lassen. Besonders Frauen befürchten, dass sie mit Kindern keine Karriere machen können. „Das überrascht uns nicht“, sagte Sophie Krug von Nidda. Denn die größte Belastung bei Erziehung und Haushalt liege immer noch bei den Frauen. „Von einem gelungenen Ausgleich der Lebenswelten fehlt jede Spur“, kritisierte die Expertin vom Wissenschaftszentrum in Berlin. „Frauen stecken viel zu viel Zeit und Energie in die Hausarbeit.“
Wissenschaftler fragten junge Paare aus Bayern
Wissenschaftler fragten junge Paare aus Bayern nach der Aufteilung der Aufgaben im Haushalt. Das Ergebnis: Die Frau ist neben Job und Kindererziehung immer noch die "Putze". Grafik: Lebensentwürfe junger Frauen und Männer in Bayern, Friedrich-Ebert-Stiftung⁄Bayern-Forum


Dazu kommt, dass Männer durchschnittlich nur zwei Monate in Elternzeit gehen würden. Die befragten Bayern erklärten dies überwiegend so: „Männern werden Steine in den Weg gelegt, wenn sie Elternzeit nehmen wollen.“ Realität ist: Nach der Geburt des Kindes bleiben die Frauen zu Hause, übernehmen die Haushaltspflichten, fallen für fast zehn Jahre aus der Vollzeitbeschäftigung und sind lange nur in Teilzeit oder geringfügig beschäftigt. Noch dazu ist den Frauen der Weg in Führungspositionen – und damit auch in höhere Einkommensklassen – immer noch verwehrt.

Die Folge: eine gewaltige Rentenlücke. Der relative Rentenunterschied zwischen Frauen und Männern lag 2014 bei bis zu 50 Prozent. Dies bedeutet für viele Frauen die Verarmung im Alter – ein zu hoher Preis für die ungleich verteilten Rollen bei Erziehung und Haushalt.

Die Ergebnisse der Studie sind ernüchternd. Obwohl die jungen Menschen Bayerns sich eine moderne, gleichberechtigte Aufteilung wünschen, gelten immer noch veraltete Rollenbilder. Die Diskussion nach dem Vortrag zeigte: Die Politik fördert moderne Modelle zu wenig. Die Zeiten für Kinderbetreuung müssen sich endlich an Vollzeitjobs anpassen, forderte eine Zuhörerin. Doch auch das Selbstverständnis der Frauen müsse sich ändern. „Nach dem ersten Kind erst einmal drei Jahre zu Hause bleiben, geht nicht mehr. In Zeiten der Digitalisierung ändert sich so viel am Arbeitsplatz. Diese Frauen sind dann weg für den Arbeitsmarkt“, sagte eine Personalmanagerin aus dem Publikum.

Die Referentin Sophie Krug von Nidda wies darauf hin, dass das Ehegatten-Splitting den Trend befördere. Denn für das Splitting lohne es sich nicht, dass die Frau über geringfügige Beschäftigung hinaus arbeitet, wenn der Ehepartner bereits gut verdient. Grötsch nutzte die Gunst der Stunde und forderte, das Ehegatten-Splitting komplett abzuschaffen.
Auf die Frage, warum die Mehrheit der Männer
Auf die Frage, warum die Mehrheit der Männer höchstens zwei Monate in Elternzeit geht, gaben mehr als 50 Prozent der männlichen Studienteilnehmer Nachteile im Beruf als Grund an. Das zeigt: Auch ein Umdenken in den Unternehmen ist nötig. Grafik: Lebensentwürfe junger Frauen und Männer in Bayern, Friedrich-Ebert-Stiftung⁄Bayern-Forum



Doch auch junge Bayerinnen und Bayern sowie ihre Arbeitgeber müssten umdenken, damit sich etwas ändere, mahnte sie. „Frauen müssen mehr fordern, Männer müssen sich mehr trauen und Unternehmen müssen flexibler werden.“ Beate-Josefine Luber

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