28.07.2017  | Netzcode: 5318569
Neumarkt

OWZ am Wochenende: "Für mich existieren Melodien einfach nicht"

Ein besonderes Interview mit der Gehörlosen Angela Benschuh

Angela Benschuh ist von Geburt an gehörlos: "Die
Angela Benschuh ist von Geburt an gehörlos: "Die peinlichsten Situationen treten auf, wenn mich jemand von der Seite anspricht und ich ihn nicht bemerke." Bild: Norbert Eimer
Die Eltern der kleinen Angela beschleicht ein mulmiges Gefühl: Ihre neu geborene Tochter reagiert nicht auf Geräusche und Laute ihrer Umgebung. Auf Anraten verschiedener Ärzte, versuchen Mutter und Vater die vermeintliche Schwerhörigkeit mit Hörgeräten zu kompensieren. Ohne Erfolg. Denn Angela Benschuh ist von Geburt an gehörlos. Ein besonderes Interview mit der Vorsitzenden des Gehörlosenverein Neumarkt, das wir in schriftlicher Form geführt haben.

Frau Benschuh, Sie sind von Geburt an gehörlos – wie beschreiben Sie einem Hörenden Ihre Welt?

Angela Benschuh: Ich lebe nicht in einem Zustand der absoluten Stille, jedoch höre ich auch keine Geräusche oder Melodien. Für mich existieren diese Sachen einfach nicht. Ich erfreue mich an Farben und Formen, an lustigen Geschichten, Märchen, Sagen und Rätsel. Töne habe ich dabei noch nie vermisst. Für einen Hörenden mag dies möglicherweise verwunderlich sein.

Können Sie Musik wahrnehmen?

Nicht direkt die Musik. Nachdem Musik aber nur eine rhythmische Nachabfolge von Vibrationen ist, die ich sehr wohl spüre, könnte man sagen, dass ich sie erfühle. Bei sehr lauten Geräuschen oder Schlägen, wie bei einem lauten Knall, erschrecken selbst Gehörlose. Einige Gehörlose machen sich das Erspüren der Vibrationen zunutze, um darauf zu tanzen.
Fühlt sich die gehörlose Angela Benschuh
Fühlt sich die gehörlose Angela Benschuh isoliert? "Im Grunde genommen, nein. Die Gehörlosen haben eine sehr gute Community, in der man sich schwer einsam fühlen kann. Durch Internet und Handy sind wir sehr viel stärker vernetzt, als früher." Bild: Norbert Eimer


Wie verständigen Sie sich im Alltag mit Hörenden?

Zum Glück beherrschen einige wenige Hörende die Deutsche Gebärdensprache. Das ist jedoch leider nur die Ausnahme. Um uns zu verständigen, bedienen wir Gehörlose uns Techniken, die Hörende oft bei Fremdsprachen anwenden. Mit Gestik und Mimik lassen sich die meisten Probleme des Alltags lösen. Zur Not tut es aber auch ein Stück Papier und ein Stift.

Wie reagieren Hörende auf Sie?

Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Die peinlichsten Situationen treten auf, wenn mich jemand von der Seite anspricht und ich ihn nicht bemerke. Auf diese Menschen mache ich dann meistens einen recht unhöflichen Eindruck. Bemerkt mein Gegenüber jedoch, dass ich gehörlos bin, zeigt dieser sich meistens verständlich. Den meisten Hörenden ist es jedoch peinlich.

Mit welchen Herausforderungen müssen Sie täglich zurecht kommen?

Neben den üblichen Herausforderungen, um die sich jeder kümmern muss, haben wir unsere ganz eigenen Probleme. Eines der größten Probleme ist und bleibt die Informationsbeschaffung. Wir können uns schlecht in Gesprächen integrieren – und somit ist es für uns schwer, Neuigkeiten mit zu bekommen. Die alltäglichen Probleme gehen jedoch noch weiter und betreffen auch relativ banale Dinge.

Was sind die häufigsten Missverständnisse zwischen Gehörlosen und Hörenden?

Das größte Missverständnis der Hörenden bei der Kommunikation, ist der Irrglaube, je lauter man spreche, desto besser höre man sie. Jedoch treten meistens durch ein Fehlverhalten der Hörenden Verständnisprobleme auf, die die Gehörlosen ratlos zurücklassen. Dies führt dann auch zu einem – aus der Sicht der Hörenden – seltsamen Verhalten.

Fühlen Sie sich isoliert?

Im Grunde genommen, nein. Die Gehörlosen haben eine sehr gute Community, in der man sich schwer einsam fühlen kann. Durch Internet und Handy sind wir sehr viel stärker vernetzt, als früher. Als einsamer Gehörloser unter Hörenden, würde ich mich jedoch schnell einsam fühlen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?

Mein sehnlicher Wunsch ist eine größere Akzeptanz von uns Gehörlosen – verbunden mit einem „Auf-uns-Zukommen“ seitens der Hörenden.
Norbert Eimer



Zwei Arten von Taubheit



Man unterscheidet zwischen einer absoluten Taubheit und einer praktischen Taubheit. Bei einer praktischen Taubheit können noch einzelne Töne oder Geräusche (Hörreste) wahrgenommen werden.

Bei einer absoluten Taubheit nimmt man nichts mehr wahr. Man unterscheidet ferner zwischen einer „angeborenen Taubheit“ oder eine später „erworbenen Taubheit“.

Unabhängig davon, wann die Taubheit eintritt, werden diese in prälinguale Taubheit und postlinguale Taubheit eingeteilt.

Bei der prälingualen Taubheit werden Betroffenen taub, bevor sie eine Sprache entwickeln konnten. Bei der postlingualen Taubheit werden Betroffene erst nach erfolgter Sprachentwicklung gehörlos.

Diese Unterteilung ist wichtig hinsichtlich der Folgen, die eine Taubheit haben kann: Geht das Hörvermögen vor dem siebten Lebensjahr verloren, ist dies meist mit dem vollständigen Verlust des bis dahin erworbenen Sprachwortschatzes verbunden. Beginnt die Taubheit hingegen nach dem siebten Lebensjahr, bleibt der Wortschatz erhalten.

Gebärdensprache: Die Hand wird zum Mund. 	Bild:
Gebärdensprache: Die Hand wird zum Mund. Bild: Monika Wisniewska⁄stock.adobe.com


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