12.08.2017  | Netzcode: 5329881

Wenn miese Tage in Vergessenheit geraten

Ein Blick hinter die Kulissen des Sozialkompetenz-Zentrums - Hilfe für Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen

LUHE-WILDENAU. Anfang April 2017: Tom (Name geändert) haut zum dritten Mal binnen kürzester Zeit von zu Hause ab. Der Vater des 17-Jährigen ist alkoholabhängig, schlägt Toms von Depressionen geplagte Mutter und die kleinere Schwester. "Ich habe das nicht mehr ausgehalten", erinnert sich der Hauptschüler. Er rutscht in kriminelle Kreise ab, fängt zum Kiffen an, verkauft Gras - alles ist wichtiger als die Schule, die erste Jugendstrafe nur eine Frage der Zeit.

Bis seine Mutter per Zufall über einen Freund, einem Lehrer, auf die Homepage des Sozialkompetenz-Zentrums Oberpfalz (SKTO) in Neudorf stößt. "Tom war auf dem besten Weg, vollkommen abzudriften. Zugang zu ihm zu finden, war unglaublich schwer. Er fühlte sich allein gelassen, hilflos und ohne Perspektiven", erinnert sich Rita Federlein, Leiterin des Sozialkompetenz-Trainings bei SKTO. Noch schlimmer sei es geworden, als Toms Mutter Ende Mai an Krebs starb. Der letzte Anker in seiner ohnehin schon zerrütteten Familie sei damit verloren gegangen.

Juli 2017: Rund ein Vierteljahr ist seit der ersten Zusammenarbeit mit dem SKTO-Team vergangen. Der inzwischen 18-Jährige hat seinen Abschluss gemacht und eine Lehrstelle bekommen. Die Verfehlungen seiner "Jugend" geraten langsam in Vergessenheit. Er weiß, wo er sich Hilfe holen kann, welche Entscheidungen richtig, welche falsch sind. Er ist auf dem besten Weg zu einem geordneten Leben. "Ohne die Unterstützung von SKTO wäre das nie möglich gewesen", blickt Tom stolz zurück.

"Das ist unsere eigentliche Aufgabe, unsere Philosophie, unser Konzept", sagt SKTO-Geschäftsführer Toni Kellermann. Seit September 2016 werden Jugendliche mit dem Sozialkompetenz-Training gefördert, bei der Entwicklung ihrer Kompetenzen gestärkt und ihnen gleichzeitig in schwierigen Lebenssituationen Hilfestellungen angeboten - alles in einem Rahmen, der zeitlich weit über die normale Jugendhilfe und Beratungsstellen hinausgeht, die das aufgrund der oftmals vorhandenen Komplexität der einzelnen Fälle gar nicht leisten können.

Genau hier setzt Kellermanns Konzept an. "Unser Angebot, das durch unsere Module individuell und bedarfsgerecht auf jegliche Probleme zugeschnitten ist und den Bedarf bei Jugendämtern, Schulen und der Jugendgerichtshilfe abdeckt, findet inzwischen in der Oberpfalz und darüber hinaus Beachtung", erzählt Kellermann. Grundsätzliches Ziel dabei sei es, junge Menschen aus belasteten Familien, Flüchtlinge oder auch Kinder emotional zu stabilisieren, als Dreh- und Angelpunkt für die Koordination verschiedener Hilfsangebote zu fungieren, ihnen Unterstützung bei ihrem Eintritt in den Arbeitsmarkt zu geben und sie für das Miteinander in der Gesellschaft zu befähigen.

So wie bei Tom, einem von etlichen Beispielen, bei denen die Umsetzung der originären Aufgaben des Sozialkompetenz-Trainings bestens geklappt hat. "Unsere Module wie beispielsweise ,Fit for life', ,No Blame Approach', ,Can Stop', der tier-gestützten Pädagogik, des Coolness-Trainings oder des Anti-Aggressions-Trainings ermöglichen es, die Ressourcen der Jugendlichen aufzudecken und zu fördern. Die Kombination dieser Bausteine bietet Jugendlichen Optionen, sich selbst besser kennenzulernen und Unterstützung und Halt bei der Bewältigung ihres Alltags zu erfahren", ist sich Federlein mit ihrem Team - bestehend aus Franziska Dirscherl, Susann Salewski, Marina Lehner und Mike Schulz - sicher.

Die Mitarbeiter bieten den Jugendlichen, die auch über Schulen, die Jugendämter und die Jugendgerichtshilfe zu SKTO vermittelt werden, die Möglichkeit, sich selbst und die eigenen Stärken kennenzulernen und Schlüsselkompetenzen zu erlangen, die für ein eigenständiges Bestehen in und eine aktive Teilhabe an der Gesellschaft notwendig sind. Die Angebote werden von den Fachkräften aus den einzelnen Bereichen betreut und pädagogisch begleitet. "Unsere Mitarbeiter fungieren als Unterstützer in Form von Alltagsbegleitung, Beratung und/oder Krisenintervention bei der Bewältigung von Problemlagen", ergänzt Kellermann.

Eine Arbeit, von der aufgrund ihrer zweifelsohne vorhandenen Sensibilität nur wenig nach außen dringt. "Intern passiert viel mehr, da geht es um zum Teil tragische Schicksale von Jugendlichen, denen wir zur Seite stehen", sagt Leiterin Federlein. Inzwischen nutzen auch immer mehr Schulen präventiv das SKTO-Angebot. "In einer schwierigen Zeit mit Mobbing, Drogen und Konflikten sind die Trainings für Eltern oftmals ein Kriterium bei der Schulwahl", weiß Kellermann, dessen Programm von den Schulsozialarbeitern hoch gelobt werde. "Wir haben aktuell keinerlei Rückfallquote nach unserem Einsatz", unterstreicht Federlein, die für Ende September eine Informationsveranstaltung zum Sozialpädagogischen Gruppentraining an Schulen plant.

Auch Tom gehört in diese Kategorie. Ohne die Unterstützung der SKTO-Mitarbeiter wäre er nie so weit gekommen. "Sie waren damals in meiner schlechten Zeit für mich da und sind es jetzt immer noch. Ich fühle mich aufgehoben und akzeptiert", weiß der 18-Jährige, der schon weitere Zukunftspläne schmiedet. "Mein Chef hat mir schon gesagt, dass er mich nach meiner Lehre übernehmen wird." Vergessen sind die miesen Tage Anfang April 2017.

Weitere Informationen zur Arbeit des Sozialkompetenz Zentrums (SKTO) Oberpfalz, Neudorf 36, 92706 Luhe-Wildenau, gibt es von Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr und am Freitag von 8 bis 13 Uhr unter Telefon 09607/9226267 und E-Mail info@skto.de. Stephan Landgraf


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