11.10.2017  | Netzcode: 5372727

Getragen von Klangwellen

Gospelsänger laden zum großen Gemeinschaftschor ein

Das Einsingen am Anfang der Probe erfolgt im
Das Einsingen am Anfang der Probe erfolgt im Stehen. Das Einsingen ist für den Sänger das, was für den Sportler das Aufwärmen ist. Bild: Harald Mohr
KÖNIGSTEIN. "Schön, dass's da seids!", begrüßt der Leiter die Sängerinnen und Sänger des Königsteiner Gospelchors. An seinem Tonfall merkt man, dass dieser Satz wirklich von Herzen kommt. Thomas Pirner bittet alle aufzustehen. "Wir kreisen mit den Schultern, schütteln die Hände aus, stellen uns auf die Fußspitzen, gähnen ausgiebig ..."

"Fürs Singen ist wichtig, dass man locker ist", erklärt er. Das Lockern und Einsingen ist für den Sänger das, was für den Sportler das Aufwärmen ist. Was nicht bei allen Chorsängern auf Begeisterung stößt, ist ein wesentliches Kriterium für eine professionelle Chorleitung. "Man muss das Einsingen abwechslungsreich gestalten, damit's nicht langweilig wird", weiß der Leiter des Gospelchores. Als Übung für das Zwerchfell folgen Dreiklänge auf ha-ha-ha. Plötzlich meint wohl jemand, das Einsingen sei schon beendet, und setzt sich hin. Die anderen lachen und frotzeln ein bisschen, aber sie meinen es nicht böse. Der ungeduldige Sänger stimmt selbst mit in das Lachen ein.
Der examinierte C-Kirchenmusiker Thomas Pirner
Der examinierte C-Kirchenmusiker Thomas Pirner leitet mit großem Engagement den Gospelchor.


Die Stimmung ist offen und herzlich. Nach einigen weiteren Tonleiter- und Dreiklangübungen wird ein Kanon angestimmt. Die glockenhellen Stimmen der Soprane schweben in der Höhe. Mit Alt und Tenor kommen mehr Wärme und Fülle dazu, bis schließlich das Fundament der Bässe das Ganze abrundet und der volle, raumfüllende Klang erreicht ist.

Nun singt der Chor den Song „Hallelujah“ von Leonard Cohen, der oft bei Hochzeiten gewünscht wird. Der Hörer hat den Eindruck, dass nicht die Sänger die Töne erzeugen, sondern dass die Musik ein Eigenleben entwickelt und die Sänger wie auf Wellen mit sich trägt. Den vollen Klang und den mitreißenden Swing kann man nicht mit Worten beschreiben, das muss man hören.
Der Chorleiter stimmt den Ton an und führt die
Der Chorleiter stimmt den Ton an und führt die Sänger. Mit seinem Elan steckt Thomas Pirner die Chormitglieder an.


Das moderne geistliche Lied „Du hast Erbarmen“ von Albert Frey wird gerade erst eingeübt. Der Chorleiter spielt die Melodie auf dem Keyboard vor, dann versucht der Sopran mitzusingen. Nach und nach bekommen die Sängerinnen die Melodie „ins Ohr“ und werden sicherer. So geht es nacheinander mit allen Stimmen. Jetzt wird deutlich: Hinter dem, was sich so leicht und mühelos anhört, steckt sorgfältige Kleinarbeit.

Thomas Pirner, im Hauptberuf Sozialpädagoge, stammt aus einer sehr musikalischen Familie. „Mein Opa hat Akkordeon und Zither gespielt, mein Vater auch, so bin ich da reingewachsen.“ Schon im Grundschulalter lernte er Akkordeonspielen, später kam Klavierunterricht dazu.

Nach der Konfirmation fragte ihn der damalige Pfarrer, ob er nicht Kirchenorgel lernen möchte. Der musikliebende Junge war begeistert von dieser Idee und nahm in Pegnitz bei Kirchenmusikdirektor Roland Weiß und später in Sulzbach-Rosenberg bei Kirchenmusikdirektor Jürgen-Peter Schindler Unterricht in Orgel und Chorleitung.
Wenn's an die Feinarbeit geht, dürfen sich die
Wenn's an die Feinarbeit geht, dürfen sich die Sängerinnen und Sänger wieder hinsetzen.


Nach einigen Jahren legte er als Externer zuerst die D- und später auch die C-Prüfung ab. Das ist die höchste Stufe, die für einen Kirchenmusiker im Nebenamt erreichbar ist. Mittlerweile ist er 22 Jahre bei der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Königstein tätig.

„Es gibt hier ein breites Angebot an Kirchenmusik“, lobt Thomas Pirner. „Nämlich den Posaunenchor, den Kirchenchor und die ökumenische Band ,Öku-Rhythmics’.“ Er wollte das Spektrum um eine weitere Stilrichtung erweitern, die besonders die Jugend ansprechen sollte, und gründete 1999 den ökumenischen Gospelchor. „Wir haben mit englischen Gospels angefangen und nach und nach das Repertoire immer breiter aufgefächert.“ Neben Gospels in englischer und deutscher Sprache singt der Chor auch afrikanische und moderne deutsche Lieder. „Alle Lieder, die wir singen, haben religiöse Texte. Das ist mir wichtig, weil ich so meinem Glauben eine Stimme geben kann. Wir singen aus Freude und zum Lobpreis Gottes.“

Karin Seitz aus Velden ist heute zum dritten Mal mit dabei. Sie hat schon in verschiedenen Chören gesungen. „Manchmal ist einfach Zeit, etwas Neues anzufangen“, findet sie. „In den anderen Chören haben wir nämlich hauptsächlich klassische Lieder gesungen.“ Sie freut sich über die Vielfalt der Lieder und über die herzliche Gemeinschaft.

Viele Menschen besuchen Seminare, um sich persönlich weiterzuentwickeln. Martin Renner aus Königstein geht lieber zur Chorprobe. „Ich bin in den Chor gegangen, weil man beim Singen lernt, mehr aus sich herauszugehen“, beschreibt er. „Die Musik sagt mir voll zu. Ich bin mit Herzblut dabei.“ Bianca Pirner hat früher schon im Gospelchor mitgesungen. Als die Kinder klein waren, wurde die Zeit knapp. Seit einem dreiviertel Jahr ist sie wieder mit dabei. Ihr gefällt nicht nur das Singen, sondern besonders die Gemeinschaft. „Man ist immer herzlich willkommen.“
Beim swingenden Gospelrhythmus klatschen die
Beim swingenden Gospelrhythmus klatschen die Hände wie von selbst mit. Bilder: Harald Mohr


Wer die Sängerinnen und Sänger gern hören möchte, hat am Samstag, 2. Dezember, die Gelegenheit. Der Chor singt um 17 Uhr auf dem Adventsmarkt. Am dritten Advent, 17. Dezember, gibt es um 19 Uhr in der St.-Georgs-Kirche ein weihnachtliches Singen und Musizieren, das von mehreren Chören und Musikgruppen gestaltet wird. Dafür wird ein großer Gemeinschaftschor gebildet.

Thomas Pirner lädt Sängerinnen und Sänger jeden Alters aus Königstein und den umliegenden Ortschaften ein. „Das machen wir alle zwei Jahre. Das ist immer ein besonderes Highlight.“ Geprobt wird ab 13. Oktober regelmäßig von 18.30 bis 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus am Bergl in Königstein. Melanie Büttner-Mohr

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