30.10.2017  | Netzcode: 5396003
Waldsassen

A seidans Firda

Über die Geschichte der Trachtenvereine

1936 hatte sich der Sulzbacher Verein von der
1936 hatte sich der Sulzbacher Verein von der Gebirgstracht auf die bodenständige Tracht umgestellt. Archivbild: Harald Mohr
„Owas Deandl hod a seidans Firda. Owa na, na, koa seidans is ned.“ Bunt durcheinander gehen die geraden und ungeraden Takte. Aber nach kurzem Hineinhören singen die Zuhörer den Zwiefachen fröhlich mit. Sie erfuhren im Maurus-Saal des Klosters nicht nur Interessantes zur Geschichte der Trachtenvereine, Hans Wax lockerte seinen Vortrag mit zum Thema passenden musikalischen Darbietungen auf.

Der stellvertretende Bezirksheimatpfleger hat sich nach seinem Studium der Musikwissenschaft und Volkskunde zuerst als freiberuflicher Musiker durchgeschlagen. „Der Herr Eichenseer, der frühere Bezirksheimatpfleger, hat mich auf einer Hochzeit Gitarre spielen gehört“, erzählt er in breitem niederbayerischen Dialekt. „Da hat er mich gefragt, ob ich Aufnahmen von Volksmusik in Noten fassen könne. So bin ich zu der Stelle gekommen.“

Mit dem Rückblick auf das Projekt „Tracht im Blick“, an dem sich vergangenes Jahr mehrere Museen in der gesamten Oberpfalz beteiligt hatten, kommt er zum eigentlichen Thema. „Es gibt einmal das konkrete Material, also die Kleidungsstücke. Dann braucht’s aber auch jemanden, der darüber nachdenkt“, stellt er fest. Denn es ist ja bei Weitem nicht sicher, ob die Kleidungsstücke, die im Museum zusammen gezeigt werden, auch wirklich zusammen getragen wurden.

Im frühen 19. Jahrhundert hat man noch nicht in Regionen gedacht. Seit 1870 versteht man unter „Tracht“ ungefähr das, was wir heute darunter verstehen. Um 1910 wurden die Trachten auf einmal bestimmten Regionen zugeordnet. „Das kann man historisch nicht belegen, das ist ein Konstrukt.“
Der sympathische Niederbayer Hans Wax spielt
Der sympathische Niederbayer Hans Wax spielt nicht nur Volksmusik, sondern ist auch ein begnadeter Flamenco-Gitarrist. Bild: Harald Mohr


„In dem Wort Trachtenverein steckt das Wort Tracht und das Wort Verein“, fährt Hans Wax fort. Vereine gibt es seit ungefähr 200 Jahren. Der Verein ist eine bürgerliche Erfindung mit demokratischen Strukturen. „Im 19. Jahrhundert sprießen die Vereine wie die Pilze aus dem Boden.“ Schon früh gab es Männergesang- und Sportvereine. 1883 hatte der Lehrer Joseph Vogl, dessen Eltern aus Arnschwang bei Furth im Wald stammten, die Gründung eines Trachtenvereins in Bayerisch-Zell angeregt. 1898 wurde dann in Regensburg der erste Trachtenverein der Oberpfalz gegründet.

Damals galt das Interesse aber noch ausschließlich den Gebirgstrachten. „Durch den beginnenden Tourismus war die Sache mit den Trachten in Oberbayern immer ein Selbstläufer.“ Erst später kamen auch die „bodenständigen“ Oberpfälzer Trachten hinzu. Die Vereine fragen sich immer wieder: „Wer sind wir? Was machen wir?“ Der 1898 in Regensburg gegründete älteste Oberpfälzer Trachtenverein hat sein Selbstverständnis und damit auch seinen Namen bereits siebenmal geändert und nennt sich heute „Heimat- und Trachtenverein Regensburg Stamm e.V.“.

Bis zum Ersten Weltkrieg gab es in der Oberpfalz fünf Trachtenvereine in den größeren Städten. In den zwanziger Jahren wurden weitere 28 gegründet, weiterhin nur in Städten und Marktgemeinden. Mit der Gleichschaltung 1933 kam in etlichen Vereinen das Engagement zum Erliegen, andere dagegen blühten auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es teilweise 10 bis 15 Jahre, bis die Vereine wieder in die Höhe kamen.

Auch die Vertriebenen gründeten ihre Vereine, die als „Eghalanda Gmoi“ bezeichnet werden. „Bei der Flucht konnten die Menschen nicht viel mitnehmen. Manche haben nur ihre Tracht eingepackt. Daran sieht man, wie emotional bedeutsam die Tracht war.“ Seit den fünfziger Jahren müssen die Vereine auch Jugendarbeit leisten, damit der Nachwuchs die Idee weiterführt. Seit den sechziger und siebziger Jahren werden die Tracht und die Arbeit der Trachtenvereine durch die modernen Medien immer stärker verbreitet und über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. Viele Trachtenvereine pflegen Kontakte zu ausländischen Vereinen.
Der stellvertretende Bezirksheimatpfleger Hans
Der stellvertretende Bezirksheimatpfleger Hans Wax begann seinen Vortrag mit einem Zwiefachen, bei dem die Zuhörer fröhlich mit einstimmten. Bild: Harald Mohr


Was ist denn nun die „richtige“ Oberpfälzer Tracht? „Das will ich nicht definieren“, wehrt der sympathische Volkskundler ab. „Man sucht immer Strukturen, das ist ein weltweites Problem. Der Mensch sucht immer was Festes, aber das gibt es nicht.“ Man kann nur anhand von Einzelstücken und Bildern, beispielsweise auf Grabsteinen oder Votivtafeln, grobe Tendenzen erkennen.

Aus den zwanziger Jahren existieren Fotografien von Bäuerinnen, die zum Kirchgang ihr „guads Gwand“ angelegt haben. „Auch die Wahrnehmung der Tracht ändert sich. Wir verbinden mit der Tracht die Vorstellung, dass sie von Bauern getragen wurde.“ Allein die Tatsache, dass die Trachtenvereine im bürgerlichen Milieu der Städte und Märkte entstanden seien, zeige schon eine gewisse Entfremdung. „Aber ohne die Vereine wäre die Tracht schon lange verschwunden.“ Eins jedenfalls ist klar: „Von dem, was man auf der Regensburger Dult sieht, sind 99 Prozent industriell hergestelltes, geschichtsloses Zeug.“

Zum Abschluss gab es dann noch eine Überraschung. Weit weg aus der nebelgrauen Oberpfalz mitten ins sonnige Spanien fühlten sich die Zuhörer versetzt, als der vielseitige Musiker eine fetzige Flamenco-Rumba zum Besten gab. (mbü)

Die erneuerte Tracht der Rosenberger Kirwaleit.
Die erneuerte Tracht der Rosenberger Kirwaleit. Bild: privat


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