03.11.2017  | Netzcode: 5398667
Sulzbach-Rosenberg

OWZ am Wochenende: Einer der ältesten Berufe der Welt

Tanja Weiß hat als Märchenerzählerin ihre Berufung gefunden

Tanja Weiß hat eine Ausbildung zur
Tanja Weiß hat eine Ausbildung zur Märchenerzählerin gemacht und darin ihre Berufung gefunden. Bild: Miriam Wittich
Felle liegen auf dem Boden und den Holzbänken, Kerzen flackern im Fenster. Neben einem Tisch steht ein kleiner „Thron“ – ein verschnörkelter Stuhl mit hoher Rückenlehne und dunkelrotem Samtbezug. Darauf sitzt Tanja Weiß. Mitten in ihrem Reich: dem Pflasterzollhaus in Sulzbach-Rosenberg.

Sie ist Vorsitzende der historischen Gruppe Stiber-Fähnlein und freiberufliche Märchenerzählerin. Jeden letzten Freitag im Monat verwandelt sie das kleine Häuschen mit den rot-weißen Fensterläden (Hagtor 8) in ein Märchenreich für Kinder. Dabei sind ihre Geschichten aber nicht nur etwas für die Kleinen.

Die Rosenbergerin ist ausgebildete Märchenerzählerin. „Märchenerzähler ist natürlich keine geschützte Berufsbezeichnung. Das kann jeder von sich sagen“, sagt Weiß. Stolz ist die Mutter von zwei Kindern (acht und zehn Jahre) trotzdem auf ihren Titel.

Durch einen Zeitungsartikel wurde Weiß, damals noch Erzieherin, auf die Erzählwerkstatt Pegnitz aufmerksam und besuchte dort an zwei Wochenenden einen Kurs. „Danach habe ich zu meinem Mann gesagt: ,Das ist genau meins.’“ Ihre Ausbildung zur Märchenerzählerin hat sie dann in einem dreiwöchigen Intensivkurs und sieben Wochenendseminaren beim Verein „Märchenzentrum DornRosen“ gemacht. Als Abschlussprüfung musste sie ein Programm erarbeiten und präsentieren.

Besonders wichtig sei ein sensibler Umgang mit den Geschichten. „Wenn man wirklich Märchen erzählen will, muss man dahinter schauen. Sich mit anderen darüber austauschen. Das Märchen hat immer eine tiefere Botschaft“, erläutert Weiß. In ihrer Ausbildung wurde zum Beispiel besprochen, was ein Märchen sagen will und welches Gefühl den Zuhörern damit vermittelt wird.

Schon als Tanja Weiß noch ein kleines Mädchen war, weckten die Großeltern ihre Begeisterung für das Märchenerzählen. „Sie haben uns als Kinder viel erzählt. Das fand ich immer schön. Es erzeugt so eine besondere Nähe“, schildert Weiß. „Als wir dann Lesen gelernt haben, haben wir vor allem Märchenbücher geschenkt bekommen und die natürlich auch ganz toll gefunden.“

Mittlerweile hat sich bei Weiß zu Hause sehr viel Märchenliteratur angesammelt: „Eine ganze Wohnzimmerwand voll.“ Märchen-Material findet sie außerdem im Internet und bei Erzählkollegen. „Ich habe auch Geschichten in meinem Repertoire, die hab ich nie irgendwo gelesen, sondern nur gehört und mir Notizen gemacht.“
Seit der ersten Märchenstunde im März 2011 eine
Seit der ersten Märchenstunde im März 2011 eine Erfolgsgeschichte: "Es gab noch keine Märchenstunde, in der keiner kam", freut sich Tanja Weiß. Jeden letzten Freitag im Monat um 15 Uhr sind im Pflasterzollhaus in Sulzbach-Rosenberg Kinder ab drei Jahren willkommen. Der Eintritt für Kinder beträgt drei Euro, Erwachsene zahlen nur zwei Euro. "Weil hier die Kleinen wichtig sind", erklärt Weiß. Bild: Miriam Wittich


Während sie von ihrer Arbeit erzählt, geht draußen am Pflasterzollhaus eine Gruppe Kinder vorbei. Durch die geschlossenen Fenster hört man aufgeregtes Geplappere, dann ein Ausruf: „Da wohnen die Märchen!“ Die Erzählerin muss lachen. „Ja, bei uns waren schon so einige Kinder zur Märchenstunde.“

Seit März 2011 sind hier jeden letzten Freitag im Monat um 15 Uhr Kinder ab drei Jahren willkommen. Damals war Weiß frisch mit der Ausbildung fertig und ist zum damaligen Bürgermeister Gerd Geismann gegangen, der dann den Kontakt zum Stiber-Fähnlein hergestellt hat.

Gemeinsam entstand die Idee der Märchenstunde im Pflasterzollhaus. „Von der ersten Märchenstunde an eine Erfolgsgeschichte: Es gab noch keine Stunde, in der keiner kam. Nur im Juli und August ist Märchenschlaf im Zollhaus.“

Die Kinder kuscheln sich auf die Felle am Boden oder sitzen auf den Holzbänken im – thematisch immer passend dekorierten – Zollhaus. Mamas, Papas, Großeltern, Tanten oder Onkel sitzen nebenan. Bei Kaffee und Kuchen zum Ratschen. „Das ist ein richtiger Stammtisch geworden.“ Oder sie lauschen selbst den Märchen. Das empfiehlt Weiß vor allem bei Kindern, die zum ersten Mal da sind. „Da sollte eine vertraute Person mit im Raum sein. Die Kinder müssen erst verstehen, dass ihnen hier nix passiert.“

Weiß tritt aber nicht nur vor Kindern auf. „Das ,Märchen’ kommt von der ,Mär’ und die hat man sich schon immer erzählt. Der Erzähler ist einer der ältesten Berufe der Welt.“ Die Gebrüder Grimm hätten Geschichten gesammelt, die über Jahrhunderte Erwachsenen erzählt wurden. „Deshalb waren in der Urform auch viele Geschichten sexuell angehaucht. Da wurde dann der Rotstift angesetzt“, erklärt Weiß. „Märchen funktionieren bei jedem Menschen, egal ob hochgebildet oder weniger. Egal ob alt oder jung. Man muss sich nur darauf einlassen.“

Obwohl es sie schon so lange gibt, findet Weiß Märchen aber niemals altbacken. Kinder und Erwachsene bräuchten am Ende jeder Geschichte ein erlösendes Gefühl. „Die Guten müssen siegen, die Bösen bestraft werden.“ Weitere wichtige Botschaften von Märchen sind auch, dass der Kleine über den Großen triumphieren kann. „Und der Märchenheld schaffts nie alleine, er hat immer Hilfe. Ein guter Erzähler kann bewirken, dass Prozesse angestupst werden und Menschen sich Hilfe suchen.“ So könnten Märchen auch aus Lebenskrisen helfen und würden sogar erfolgreich in der Burnout-Therapie eingesetzt.

Zweimal im Jahr veranstaltet Weiß auch eine Erzählstunde für Senioren und Kinder gemeinsam. „Das ist sehr spannend. Die lachen oft an den gleichen Stellen. Die Kinder über die Situationskomik und die Senioren über einen doppeldeutigen Witz.“ Außerdem kommt Weiß auf Anfrage zum Beispiel auch auf Weihnachtsfeiern oder Kindergeburtstage. Dafür hat sie bereits fertige Programme oder entwickelt je nach Wunsch ganz neue. Sucht zueinander passende Geschichten aus, baut Übergänge oder verschachtelt und verzahnt einzelne Erzählungen.
Tanja Weiß in Aktion: Die Märchenerzählerin
Tanja Weiß in Aktion: Die Märchenerzählerin spricht immer frei. "Ein Buch bildet eine Barriere. Erzählen aber erzeugt eine ganz besondere Nähe", findet die Rosenbergerin. Dabei sitzt sie aber nur selten ruhig da. "Ich bin immer in Bewegung." Bild: Miriam Wittich


Auch Workshops für Lehrer, Kindergartenpersonal und Eltern bietet Weiß an. Wenn sie erzählt, wolle sie ihr Publikum abholen. Die Zuhörer seien ihre Regisseure. Eine Geschichte lebe von der Lebendigkeit des Erzählers. „Wenn ich erzähle, hört man deshalb auch immer, wo ich herkomme“, sagt Weiß. „Es würde gekünstelt klingen, wenn ich hochdeutsch sprechen würde.“ Charmant und spannend findet sie Geschichten im Dialekt. Als Erzählerin sieht sie sich zudem in der Pflicht, mündliche Sprach-Tradition zu bewahren und weiterzugeben.

Ihre Familie müsse ihr daheim ständig beim Proben zuhören. „Ich renne mit Zetteln rum, übe vorm Spiegel, singe oder spreche etwas auf und höre es danach wieder an.“ Dabei seien ihre Kinder auch ihre größten Kritiker: „Wenn ich Tiere imitiere, sagen sie auch mal: ,Mama, das hört sich doch gar nicht so an!’“ Eine Stunde Erzähl-Programm müsse sie stimmlich erst einmal durchhalten. So flüstert Weiß in ihren Märchen auch mal sehr laut, singt oder – kräht.

„Das ist ein Handwerk auf dem man sich nicht ausruhen kann. Mein Werkzeug ist ein Muskel“, erklärt sie. „,Die Bremer Stadtmusikanten’ ist zum Beispiel eher ein Outdoor-Märchen. Wenn der Gockel – also ich – nämlich loskräht, dann tun den Kindern schon mal die Ohren weh.“ Deshalb gehört regelmäßige Stimm- und Atembildung für Weiß dazu, genauso wie Kurse in Improvisationstheater. Dadurch könne sie auch mit Störenfrieden umgehen. „Bis jetzt hab ich noch alle in den Griff bekommen“, lacht sie und klopft auf die Holzbank neben sich.
In Holzkästchen bringt Tanja Weiß in jeder
In Holzkästchen bringt Tanja Weiß in jeder Märchenstunde Material mit, um mit den Kindern kleine Geschenke zu basteln, die sie dann mit nach Hause nehmen dürfen. "Das Gebastelte animiert die Kinder dazu, daheim von der Märchenstunde und der Geschichte zu erzählen", erklärt Weiß. Bild: Miriam Wittich


Das schönste Kompliment, erzählt Weiß, habe sie einmal von einer Seniorin bekommen. Der liefen während ihrer – eigentlich gar nicht so traurigen – Geschichte die Tränen nur so die Wangen hinunter. „Danach hat die Frau zu mir gesagt, sie hätte während des Märchens ihre eigene Großmutter wieder gerochen. Das ist der Beweis, dass es funktioniert.“ Miriam Wittich



Märchenstunden



SULZBACH-ROSENBERG. Die nächsten Märchenstunden im Pflasterzollhaus:

24. November: „Medizin für den König“

22. Dezember: Am Freitag vor Weihnachten kommt „Himmlischer Besuch“

Jeden letzten Freitag im Monat um 15 Uhr im Pflasterzollhaus in Sulzbach-Rosenberg (Hagtor 8, gegenüber der Brauerei „Fuchsbeck“). Für Kinder ab drei Jahren. Eintritt für Kinder drei Euro, für Erwachsene zwei Euro. (wih)

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