09.02.2018  | Netzcode: 5503997
Amberg

OWZ am Wochenende: Möbel aus dem Knast

Zu Besuch in den Werkstätten der JVA Amberg

In der JVA Amberg wird genauso geschmirgelt,
In der JVA Amberg wird genauso geschmirgelt, gemessen und gesägt wie in jeder anderen Schreinerei auch. Nur eben, dass die Lehrlinge nach Arbeitsende nicht nach Hause gehen. Bild: Michaela Süß
Was in der freien Wirtschaft ein Problem ist, macht sich auch hinter Gittern bemerkbar: In der Schreinerei der Amberger Justizvollzugsanstalt (JVA) herrscht Fachkräftemangel. 16 Gefangene, davon 9 Lehrlinge, arbeiten hier momentan. Dabei könnten es durchaus noch einige mehr sein. Ansonsten geht es in der Schreinerei hinter Gittern gar nicht viel anders zu als draußen auch.

Seit weit über 200 Jahren sitzen hier am Rande der Altstadt bereits Gefangene ihre Strafen ab. Wobei: Einfach nur „absitzen“ ist da gar nicht drin, wie der Anstaltsleiter, Leitender Regierungsdirektor Peter Möbius, erzählt: „Bis auf die Untersuchungshäftlinge ist jeder Gefangene zur Arbeit verpflichtet.“

Klar gibt es dafür Lohn – wenn auch nicht gerade viel. Und behalten dürfen die Gefangenen auch nicht alles. Drei Fünftel des Verdienstes werden zurückgelegt für das Überbrückungsgeld von 1972 Euro, damit die Gefangenen nach der Haft auch in gewissem Maße flüssig sind. Den Rest der rund 250 Euro Monatsverdienst können die Gefangenen für sich ausgeben. Auch Urlaub (sogenannte Freistellungstage) gibt es. Die können die Insassen entweder für arbeitsfreie Zeiten nutzen oder sie sich bei der Entlassung auf ihre Haftstrafe anrechnen lassen.
Hauptwerkmeister Manuel Först bildet die
Hauptwerkmeister Manuel Först bildet die Lehrlinge aus. Bild: Michaela Süß


Von den Männern, die derzeit in Amberg im Regelvollzug ihre Haftstrafen (bis zu sechs Jahre und bei zwei Gerichtsbezirken auch bis zu lebenslänglich) verbüßen, arbeiten gut 300 hinter Gittern. Und dafür gibt es reichlich Möglichkeiten, wie Regierungsamtsrat Georg Schmidl, der Leiter der Arbeitsverwaltung, und Technischer Regierungsdirektor Werner Pemp, der Werkdienstleiter, erklären.

In Hausbetrieben wie der Metzgerei, Bäckerei oder Küche werden natürlich immer Mitarbeiter gebraucht. Schließlich haben die derzeit 534 Gefangenen der Anstalt ja auch jeden Tag Hunger. „Wir bekommen immer Lob für unsere gute Verpflegung“, freut sich Anstaltsleiter Möbius.

Kein Wunder: Die JVA kauft beispielsweise Schweinehälften vom Schlachthof und verarbeitet sie in der eigenen Metzgerei weiter. Religiöse Sonderkost (also zum Beispiel eben kein Schweinefleisch) oder Krankenkost (zum Beispiel für Diabetiker oder Allergiker) – die Küche macht alles, was gebraucht wird.
Auf den ersten Blick kein Unterschied zu
Auf den ersten Blick kein Unterschied zu "draußen" - die Schreinerei der JVA Amberg. Bild: Michaela Süß


Zu den sogenannten Eigenbetrieben in Amberg zählen insgesamt 15 verschiedene Handwerksbetriebe – von der Kfz-Werkstatt über die Gärtnerei bis hin zum Maler- und Lackierbetrieb. Die Unternehmerbetriebe der Justizvollzugsanstalt schließlich arbeiten als „verlängerte Werkbank“ für große und namhafte Unternehmen.

All dies ist durchaus eine Win-Win-Situation, wie Möbius, Schmidl und Pemp erzählen. Einerseits sind die Gefangenen sinnvoll beschäftigt, können etwas Geld verdienen oder sogar einen Beruf erlernen. Und andererseits erzielt die Justiz beim Verkauf der Produkte auch Gewinne.

Grundsätzlich kann übrigens auch jeder Privatmann bei der Justizvollzugsanstalt einkaufen – seit Ende vergangenen Jahres beispielsweise auch die Büro- und Konferenzstühle, mit denen die Amberger unter anderem bayerische Justizbehörden beliefern.

Allerlei Schönes und Nützliches von Handtüchern bis Holz oder von Aktentaschen bis Hausschuhen findet sich auch im Internet auf www.haftsache.de – über diese Shop-Seite vermarkten die bayerischen Justizvollzugsanstalten viele ihrer Produkte. Unter anderem hergestellt in Amberg.

Auch ausgebildet wird in der Amberger JVA. Zentral für Bayern beispielsweise Maler und Lackierer oder Schreiner. Wie gut die insgesamt vier Schreinermeister in Amberg ihre Schützlinge vorbereiten, zeigen alljährlich die Ergebnisse der Abschlussprüfungen: Schon im vierten Jahr in Folge kommt der Innungsbeste bei den Schreiner-Azubis aus der JVA Amberg. Neben der praktischen Ausbildung übernehmen hier die Meister auch den fachtheoretischen Unterricht selbst. „Und dann machen unsere Auszubildenden die ganz normale Prüfung wie jeder Lehrling draußen auch“, sagen sie. Nur eben hier hinter Gittern.
In der Schreinerei der JVA Amberg werden unter
In der Schreinerei der JVA Amberg werden unter anderem Möbel für die Büros der Amberger Gerichte oder das Gefängnis selbst gefertigt. Bild: Michaela Süß


Gemeinsam mit dem Betriebsleiter der Schreinerei, Technischem Inspektor Hermann Hanisch, und seinem Stellvertreter, Technischer Inspektor Klaus Schönberger, geht es dann in die Schreinerei. Die beiden kümmern sich hier gemeinsam mit Hauptwerkmeister Josef Biller um die Gefangenen. Hauptwerkmeister Manuel Först ist für die Lehrlingsabteilung zuständig.

Bis auf die Tatsache, dass die Meister Uniform statt normaler Arbeitskleidung tragen sind die Unterschiede zu Betrieben draußen vor den Toren auf den ersten Blick gar nicht so augenfällig. Da wird gesägt, geschmirgelt, gemessen und berechnet. Heraus kommen dann zum Beispiel Möbel für die Hafträume oder Büroausstattungen für die JVA sowie die Gerichte in Amberg und Weiden. Auch Fenster oder Türen für die Anstalt werden gleich vor Ort hergestellt.

Wie es scheint, macht den Gefangenen ihr Job auch Spaß und alle sind konzentriert bei der Arbeit. So soll das auch sein, finden alle. Denn so haben die Männer während der Haft nicht nur eine sinnvolle Beschäftigung, sondern hinterher auch eine Perspektive. Dass das gut funktionieren kann, zeigen Erfolgserlebnisse aus dem Alltag – wenn etwa ehemalige Gefangene in der Justizvollzugsanstalt anrufen und zufrieden erzählen, wo sie draußen in ihrem Job übernommen wurden. So etwas freut das Personal. Denn, wie es Anstaltsleiter Möbius ausdrückt: „Trotz aller Straffälligkeit ist der Gefangene ein Mensch hinter Gittern.“ Michaela Süß

Für die einzelnen Lernfelder der Ausbildung
Für die einzelnen Lernfelder der Ausbildung werden auch Projektfelder definiert, für welche die Azubis dann Werkstücke anfertigen. Bild: Michaela Süß

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