02.05.2018  | Netzcode: 5589065
PLEYSTEIN

Titan aus der Oberpfalz?

Erneuerbare Energien und Digitalisierung: Seltene Elemente gefragt

Im Chemieunterricht machte der Lehrer bisher meist einen großen Bogen um sie: seltene Elemente an abgelegenen Stellen des Periodensystems. Nicht nur die "Seltenen Erden" wie das Neodym gehören dazu, auch einige bekanntere Elemente wie Lithium hatten bisher kaum Bedeutung. Mit der Umstellung auf erneuerbare Energien und der Digitalisierung ändert sich das gerade. Überall auf der Erde wird nach den Außenseitern gesucht. Ob man auch in der Oberpfalz fündig werden könnte, darüber referierte Geologie-Professor Dr. Harald Dill bei den zehnten "Geotagen" im Museum Pleystein.

Der aus Oberfranken stammende Wissenschaftler war vor seiner Pensionierung bei der Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe in Hannover tätig, wo er heute noch lebt. Die Oberpfalz kennt er aus zahlreichen Forschungsarbeiten, zum Beispiel über Nigrin, ein Titanerz ähnlich Rutil und Ilmenit, das im Pflaumbach bei Pleystein vorkommt. In diese sekundären Lagerstätte wurde es durch Abtragungsprozesse eingebracht und findet sich entsprechend fein verteilt. Das gilt leider für alle anderen seltenen Elemente in der Oberpfalz auch. Wie im Bergbau üblich, spricht man nur von einer abbauwürdigen Lagerstätte, wenn die Konzentration des gesuchten Elements wesentlich höher ist als im Durchschnitt der Erdkruste. Im Falle Titan wären das 0,4 Prozent.

Würde man Titan und die anderen seltenen Elemente in der Oberpfalz abbauen, hätte man es mit "Rucksack- oder Schubkarren-Lagerstätten" zu tun, wie Dill sie scherzhaft nennt. Ähnliches gelte für ganz Europa. Die abbauwürdigen Lagerstätten lägen im Fall Titan in Australien, Südafrika, Kanada und China. Bei anderen seltenen Elementen sieht es ganz ähnlich aus. Lithium, das künftig vermehrt für Akkus in Elektroautos gebraucht wird, macht sogar nur 0,006 Prozent des Gewichtes der Erdkruste aus. Da lohnt es sich nur, sehr stark angereicherte Lagerstätten auszubeuten, wie sie in ausgetrockneten Seen in Chile, Australien, China oder Argentinien vorkommen. In diesen Fällen hat die Anreicherung in einer sekundären Lagerstätte zu einer starken Erhöhung der Konzentration geführt.

Die hochgerechneten "Reichweiten" der seltenen Elemente liegen dennoch oft im Bereich mehrerer Hundert Jahre. Doch nicht in allen Fällen. Die bekannten Vorräte an Tantal, das in der Elektronik gebraucht wird, reichen nur noch für 95 Jahre. Schlecht sieht es auch mit Beryllium aus. Das Element macht nur 0,00063 Prozent der Erdkruste aus. Eine Anreicherung zu einer abbauwürdigen Lagerstätte finde man nur "in wenigen Fällen".

Grundsätzlich bestehe bei so geringen Konzentrationen immer das Problem, dass man gewaltige Flächen brauche, um überhaupt nennenswerte Mengen fördern zu können. Entsprechend groß sei die Umweltzerstörung und die Belastung durch Chemikalien, die zur Gewinnung der Rohstoffe benötigt würden. "Ganze Landstriche werden platt gemacht." In Deutschland sei das längst nicht mehr möglich. In anderen Ländern dagegen schon.

Dill kritisierte das "St.-Florians-Prinzip der Deutschen". So habe man bei uns zwar scheinbar umweltfreundlichen Ökostrom aus Windrädern und Solarzellen, aber die dafür erforderlichen Rohstoffe Neodym und Germanium würden umweltschädlich im Ausland gewonnen. "Den Dreck haben die anderen." (moh)


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