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Von Armin Eger  |  22.09.2010  | Netzcode: 2503795  |  882 Mal gelesen.

Prunkvoll und modern

In St. Petersburg prallen Vergangenheit und Gegenwart massiv aufeinander

St.Petersburg. Palast reiht sich an Palast, Kirche an Kirche. Vergoldete Kuppeln und Türme spitzen über Cafés, Lokale und Fast-Food-Restaurants. In den Schaufenstern der Boutiquen liegen die angesagtesten Klamotten aus aller Welt: Krasser könnten Vergangenheit und Gegenwart nicht aufeinanderprallen.

Nachts sind die Paläste, Schlösser und Museen
Nachts sind die Paläste, Schlösser und Museen (links vorne die Eremitage, dahinter die Kuppel der Kasaner Kathedrale) in St. Petersburg hell erleuchtet. In den Sommermonaten werden die Newabrücken (rechts) hochgezogen, damit die Schiffe vom Meer ungehindert durchfahren können. Bilder: Armin Eger
Die U-Bahn-Stationen spucken minütlich tausende von Menschen aus, die sich geschäftig in den Straßen verteilen. Kähne und Ausflugsboote zerpflügen auf den vielen kleinen Kanälen das Wasser der Newa. Nobelkarossen aus dem Westen fahren den Newskij Prospekt rauf und runter. Im Zentrum kommt das Leben scheinbar nie zum Stillstand. Es wirkt, als hätte St. Petersburg mit seinen fünf Millionen Einwohnern einiges nachzuholen.

Petrograd und Leningrad



"Es hat sich in der letzten Zeit hier viel geändert - und es hört nicht auf", sagt Kamilla Kolosova. Begonnen hat das 1991, da war die Studentin gerade mal zwei Jahre auf der Welt. Mit dem Zerfall der Sowjetunion beschloss das Volk die Umbenennung der Stadt. St. Petersburg sollte sie wieder heißen, so wie bei der Gründung 1703 durch Zar Peter den Großen. Ab 1914 stand nämlich Petrograd in den Landkarten. Nach dem Tod Lenins (1924) tauften die Russen die Metropole in Leningrad um.

Religiöse Russen



Wollten nach der Auflösung der UdSSR die Leute nichts mehr mit dem Kommunismus zu tun haben, haben sie sich inzwischen mit der Vergangenheit abgefunden. In St. Petersburg stehen wieder Leninstatuen oder Stalingedenkstätten. In den zahlreichen Wachsfigurenausstellungen sind die einstigen Herrscher beliebtes Fotomodell. Besonders positiv für die tiefgläubigen Russen nach der Perestroika: Sie können endlich wieder ihre Religiosität ausleben, die 70 Jahre lang weitgehend nur hinter verschlossenen Türen stattfinden durfte. Kirchen, oft als Lagerstätten oder, wie die kleine evangelische Petrikirche, als Schwimmbad zweckentfremdet, sind wieder in Kirchenhand.
Mit Gold und Prunk wurde im Schloss Peterhof
Mit Gold und Prunk wurde im Schloss Peterhof nicht gespart.


Die Gläubigen besuchen die Gottesdienste, junge Paare lassen sich kirchlich trauen. "Bei uns wird früh geheiratet", sagt Kamilla Kolosova. "Viele meiner Studienkolleginnen sind bereits verheiratet - und die sind erst Anfang 20." Die Christi-Auferstehungs-Kathedrale mit ihren fünf bunten Kuppeln ist dabei ein beliebtes Fotomotiv. Im Inneren des Gotteshauses sind die Wände mit wunderbaren Mosaiken verziert, weshalb die Sowjets die Kirche zum Museum des russischen Mosaiks erklärten.

"Gottesmutter von Kasan"



Ein Superlativ ist die Isaakskathedrale: Mit 111 Metern Länge, 97 Metern Breite und 101,5 Metern Höhe gehört sie zu den größten sakralen Kuppelbauten der Welt. Eines der auffallendsten Gebäude ist die Kasaner Kathedrale, direkt am Newskij Prospekt. Den Namen verdankt die 1811 erbaute Kathedrale der wundertätigen Ikone "Gottesmutter von Kasan", inzwischen das allgemeine Heiligtum der Stadt.

40 Bilder
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Bilder: Armin Eger


Die Eremitage ist mit das bekannteste Bauwerk in St. Petersburg, zugleich eines der größten Kunstmuseen der Welt. 70 Jahre würde man brauchen, um sich jedes der 2,7 Millionen Exponate auch nur flüchtig anzusehen, hatte ein früherer Direktor der Eremitage ausgerechnet. Schneller geht es im Schloss Peterhof, etwa 30 Kilometer außerhalb von St. Petersburg. "Hier ist einer meiner Lieblingsplätze", erzählt Kamilla Kolosova. "Als Kind war ich oft hier, vor allem wegen der Wasserspiele." In der prunkvollen Anlage mit den 20 Schlösschen und Pavillons - auch russisches Versailles genannt - führt jede Allee zu einem Wasserbecken oder zu einer der 144 Fontänen. Die Lage am Finnischen Meerbusen wussten schon die Romanows zu schätzen. Peterhof ist die älteste und schönste Sommerresidenz der Zarenfamilie.

Viele Kanäle durchziehen die Stadt, weshalb St.
Viele Kanäle durchziehen die Stadt, weshalb St. Petersburg oft Venedig des Nordens genannt wird.
Zaren verbrachten viele Monate auch im Katharinenpalast, ebenfalls in einem Petersburger Vorort gelegen. Highlight dort ist das Bernsteinzimmer, eine Rekonstruktion des im Zweiten Weltkrieg verschwundenen Zimmers. Prunk ist in St. Petersburg auch unter der Oberfläche verbaut. 1955 eröffneten die Russen die erste U-Bahn-Linie auf einer Länge von knapp 11 Kilometern. Die Stationen, mehr als 100 Meter unter der Oberfläche, sind über nicht enden wollende Rolltreppen erreichbar und wirken zum Teil wie riesige Ballsäle mit Säulen aus Stuck, Mosaikbildern und großen Leuchtern. Die U-Bahn-Stationen sollten prachtvolle Paläste für das Volk und zudem ein Vorzeigeobjekt der Sowjetunion sein.

Wer im Sommer in der zweitgrößten russischen Stadt seinen Urlaub verbringt, hat lange Tage vor sich. In den "weißen Nächten" geht die Sonne nicht unter, es bleibt 24 Stunden hell. Für die meisten Russen eine Zeit, in der draußen gefeiert wird. Auch an den Ufern der Newa. Nachts "klappen" dort die Brücken hoch, damit die Schiffe vom Meer ungehindert durchfahren können - von der Gegenwart in die prunkvolle Vergangenheit.

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