Regensburg
Sodom, Gomorrha, New York
Lektüre-Eindrücke aus Hubert Selbys Roman "Letzte Ausfahrt Brooklyn"
"Letzte Ausfahrt Brooklyn" kannte ich bislang nur vermittelt durch Uli Edels Verfilmung, aus welcher mir primär die Geschichte um die Prostituierte Tralala mit der (viel zu glanzvoll inszenierten) Massenkopulation im Gedächtnis geblieben sind. Da ich nun seit bald zwanzig Jahren einige markante Sprüche aus dem Film zitiere, allen voran "die besten Titten der westlichen Hemisphäre", hielt ich die Zeit reif, den als Drehbuchvorlage dienenden Roman von Hubert Selby aus dem Jahr 1964 zu lesen.Zu meiner Überraschung handelt es sich dabei nicht um einen Roman aus verschränkten Handlungssträngen mit den Filmcharakteren, sondern eher um eine Sammlung von kurzen und langen Erzählungen mit separatem Personal, deren Hauptfiguren nur gelegentlich geteilt werden. Die Publikationsgeschichte hätte mir das schon vorher verraten können: zwei Abschnitte, "The Queen is Dead" und "Tralala" waren bereits als Kurzgeschichten erschienen, bevor Selby sie einem (leichter verkaufbaren) Romankonstrukt zugrunde legte.
"Tagaus tagein" schildert eine Straßengang, die beim nächtlichen Rumhängen Streit mit einer Gruppe Matrosen findet, während der Transvestit Georgette in "Eine Großfürstin stirbt" eine Sex-und-Drogen-Party benutzt, um sich an eines der Gang-Mitglieder ranzumachen. "Die Taufe" berichtet in diesem Milieu von den familiären Konflikten einer ungeplanten Schwangerschaft, um die Ecke bestiehlt die Prostituierte Tralala in der ihr gewidmeten Erzählung Matrosen. In der längsten Erzählung "Streik" verfranst sich der Dreher Harry mit seinem großen Maul in einen für seine Verhältnisse zu teuren und zu schwulen Lebensstil. Der Band schließt mit einem breit angelegten Panorama in einem Sozialwohnungsbau, der für sich allein betrachtet schon einen Kurzroman ausmacht, oder ein handlungsarmes Prosagedicht von einem Ort, "Wo die Welt zu Ende ist", das eine der Sündflut nahe Gesellschaft zeichnen würde - wenn es in diesem Universum denn einen Gott geben könnte.
Wahrscheinlich wäre zwar eine solche Parallelverflechtung wie in der abschließenden Episode dem Tiefschürfen insgesamt zugute gekommen. Aber immerhin bleiben die Geschichten so präsentiert leichter les- und nachverfolgbar. Nicht das schlechteste angesichts des dichten, mit Obszönem, Gewalttätigem und Sexuellem reich garnierten Schreibstils, der sich weitenteils vor das dünne Tingeltangel-Geschehen in Bars, Sozialwohnungs-Küchen und (Streik-)büros drängt. Eine Lektüreempfehlung, aber nicht für zart besaitete Gemüter.
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