Demografischem Wandel mit kreativen Lösungen begegnen
Chat mit Professor Dr. Lothar Koppers zum Nachlesen
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Hans1: Müssen bestimmte Orte aus demografischen Gründen in einigen Jahrzehnten aufgegeben werden?
Lothar_Koppers: Ganze Ortschaften im Sinne von Gemeinden ist vermutlich nicht zu erwarten. Aber es gibt bereits Ortsteile in denen niemand mehr wohnt oder wo nur mehr am Wochenende jemand nach dem Rechten schaut. Die Frage ist vielmehr, ob nicht aktiv über die Schließung oder eine "Nicht-Nachbesiedelung" nachgedacht werden muss ...
iris: Was kann ich gegen den Wertverlust meiner Immobilie machen?
Lothar_Koppers: Wichtig ist, dass die Wohngegend attraktiv bleibt - dann sind auch die Immobilienpreise stabiler. Hier kann jeder mitmachen. eine aktive Nachbarschaft beispielsweise, ein funktionierendes Miteinander sind Bereiche, in denen jeder mitwirken kann. Aber auch regionale Wertschöpfung (Kaufen beim Anbieter nebenan) spielt eine wichtige Rolle.
slowhand: Guten Abend, Wer ist denn eigentlich mehr gefragt? Kommunen, die attraktiver werden müssen? Arbeitgeber, die die Jungen nicht halten können oder der Privatmensch, der sich immer Richtung "Großstadt" orientiert?
Lothar_Koppers: Wichtig ist, dass das Gesamtpaket stimmt. Es geht um die Menschen! Sie entscheiden und stimmen mit den Füßen ab. Die Menschen müssen mitgenommen werden um ihre Bedürfnisse müssen gedeckt werden, dann bleiben Sie häufig in der "Heimat" oder was sie dafür halten. Hier spielen Bindungskräfte und Identitäten eine Rolle, welche auch von Arbeitgebern geschaffen werden können. Für die Jungen spielt es eine Rolle, ob Sie nach dem sie in die Welt gegangen sind, z.B. zur Ausbildung, wieder zurückkehren können. Hier sind Wege, wie duale Studiengänge richtungweisend.
torfabrik: Wie dürfen wir uns das Leben auf dem Land in 25 Jahren vorstellen?
Lothar_Koppers: Wir werden einen Rückbau von Infrastrukturen für Jüngere und einen Ausbau derer für Ältere erleben. Das muss nicht unbedingt schlechter sein. Wichtig ist, vom Denken in quantitativen Wachstumsmechanismen in qualitatives Wachstum zu wechseln. Es gibt auch in Deutschland Gebiete mit deutlich geringerer Bevölkerungsdichte, wo es sich gut leben lässt. Man muss nur die Veränderung managen.
Imperatore: Unsere Gesellschaft wird ja immer älter. Wir haben schon heute einen Pflege-Notstand. Wie soll das in einigen Jahrzehnten werden
Lothar_Koppers: Gegenüber der Situation heute wird sich die Pflegesituation in den nächsten 10 Jahren etwas entspannen. Ab 2025 wird dann der Demographische Wandel (DW) in den Bereich der Pflege massive Veränderungen bewirken. Hier ist es wichtig, die ambulanten Möglichkeiten zu forcieren und die Menschen zu einem möglichst langen selbstbestimmten Leben zu befähigen. Erste Ansätze wurden im LKRS TIR mit dem dortigen seniorenpolitischen Gesamtkonzept beschritten, welches eben dies im Fokus hat.
student123: warum reagieren die Kommunen erst jetzt auf den demografischen Wandel?
Lothar_Koppers: Das Wissen um den DW ist eigentlich bereits seit gut 30 Jahren bekannt - vor allem in der wissenschaftlichen Welt. Nun sieht man aber erst die praktischen Auswirkungen, die bis dahin nur in der Theorie vorkamen, zumindest in Deutschland.
Deep_Purple: Welche Gemeinden und Räume in der mittleren und nördlichen Oberpfalz sind besonders von der Entvölkerung betroffen?
Lothar_Koppers: Wir stellen für Bayern und auch für die Oberpfalz ein deutliches Gefälle von Nord nach Süd fest, aber auch von Ost nach West. Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass der DW nicht nur ein Thema des Bevölkerungsrückgangs ist. Weitere Ausprägungen im ländlichen Raum sind besonders der Altersstrukturwandel und eine Verschiebung der Zahlenverhältnisse zwischen den Geschlechtern in der jungen Generation. aber auch hier gilt: der Wandel ist nicht an sich schlecht. Dies sind nur die Auswirkungen, wenn man sich dem Thema nicht wirklich und tief greifend stellt.
spvgg1: Was halten Sie von dem interkommunalen Modellprojetkt Leerstandsoffensive im östlichen Landkreis Schwandorf?
Lothar_Koppers: Ich bin gespannt auf die Ergebnisse. Grundsätzlich denke ich, dass die Anzahl an sinnvollen Lösungen sehr endlich ist und diese nicht unbegrenzt eingesetzt werden können. An vielen Stellen ist es notwendig, sich auch einmal bewusst von etwas zu trennen (Abriss) und sich zu einer konzentrierten Entwicklung zu bekennen. ein Ort mit 2000 Einwohnern benötigt keinen Central Park in der Ortsmitte, jedenfalls nicht in diesen Ausmaßen. Ich wünsche dem Projekt jedenfalls viel Erfolg und weiss aus persönlichen Gesprächen, dass die Bearbeiter sehr engagiert sind und sicherlich das Mögliche erreichen werden.
Peter1: Ist die Infrastruktur im ländlichen Raum mit Kanal, Wasser, Straßennetz, Beleuchtung noch zu halten?
Lothar_Koppers: Kurze Antwort: ja - jedoch in geringerem Umfang und mit Kapazitätsanpassungen. Dies fordert Infrastruktureingriffe, häufig vor Ablauf der geplanten Nutzungsdauer und somit höhere Kosten für diese Einrichtungen. Evtl. muss auch über Dezentralisierungen nachgedacht werden. Zur Zeit erleben wir eine Verstädterung des ländlichen Raumes. dieser sollte wieder zu seiner ländlichen Identität zurückfinden.
kommunio: Denken Sie, dass von Regierungsseite, im speziellen auf Bezirks- und Kreisebene ausreichend Maßnahmen gegen ein "Ausbluten" der Region unternommen werden?
Lothar_Koppers: Es gibt zwei Basis-Strategien, die im DW gefahren werden können: Gegenstrategie und Anpassungsstrategie. Gegenstrategie kann nur in Familienförderung oder Unterstützung von Migration (Zuwanderung) erfolgen. Was diese beiden Möglichkeiten betrifft: verfolgen Sie nur die aktuellen Diskussionen in der Politik. Dort sind diese Themen und ihre Folgen noch nicht wirklich so angekommen, dass ausreichend Schlußfolgerungen gezogen wurden.
Außerdem ist der aktuelle Druck nicht überall vorhanden. Vergleichen sie die Reaktionen auf das "Gutachten" des Zukunftsrates der bayrischen Staatsregierung einmal. Während in Franken wochenlang die Hölle los war hat man sich in der Oberpfalz doch nur kurzzeitig aufgeregt. Ein fatales Signal. Gegenstrategie ist zudem sehr teuer und die Effekte erst spät sichtbar. eine Steigerung der Geburtenrate wirkt sich erst in ca. 30 Jahren oder noch später produktiv aus. Da scheint die Anpassungsstrategie (z.B. Kapazitätsanpassungen) zu schnelleren Erfolgen zu führen, weshalb sie oft das probate Mittel ist.
student123: Gibt es auch Vorteile des demographischen Wandels in ländlichen Regionen?
Lothar_Koppers: Die gibt es durchaus. Der Schlüssel lautet: qualitatives Wachstum. ein Beispiel ist Waldershof. Da die Schülerzahlen für eine Grund- und Hauptschule nicht mehr reichen wird nun die alte Schule durch einen attraktiven Neubau ersetzt. Dies geschieht sogar zu geringeren Kosten als die Sanierung des alten Gebäudes für die Stadt und wird Waldershof sicherlich attraktiver machen. Hier sind also clevere und vorausschauende Lösungen gefragt. man darf sich vom demographischen Wandel das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen und muss agieren statt reagieren!
slowhand: Gibt es dann in Zukunft nur noch "Zentren" und kleine Dorfgemeinschaften und die typischen Trabantenstädte dazwischen veröden?
Lothar_Koppers: Große Verlierer an Einwohnerzahlen sind Orte unter 5000 Einwohnern. Deren Entwicklung befindet sich oft gefühlt im "freien Fall". Wir werden den demographischen Wandel etwa 2060/70 völlig überwunden haben - zumindest in dem Sinne, dass der Wandel nicht mehr so rasant wie heute abläuft. Was halt dann noch übrig bleibt ... Es gibt allerdings auch eine - ich nenne sie jedenfalls so - Vakuumtheorie, welche besagt, dass die sich leerenden Räume eine Art Unterdruck erzeugen, der dann wieder gefüllt wird. Nostalgiker, Landleben-Fans etc. Dieter Moor hat dazu ein interessantes Buch geschrieben: die AFZ - dies steht für arschlochfreie Zone - indem er sein Leben in einem sehr sehr dünn besiedelten Landstrich in Brandenburg beschreibt und es außer ihm nahezu niemanden anderes gibt, deshalb der Titel. Sie sehen, es gibt für alles Fans und Gründe dafür.
Lothar_Koppers: Liebe Chatter im Oberpfalznetz. Ich bedanke mich für die zahlreichen Fragen. Ich fand den heutigen Chat sehr spannend und bin sehr davon angetan, welch breites Spektrum wir diskutiert haben. Ich wünsche allen noch einen schönen Abend, Ihr Lothar Koppers
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